Anzeige in DIE WELT, 7. Dezember 2006
Der Vorsehung hat es gefallen, mich kurz nach dem Zusammenschluss der Industriekonglomerate VEBA und VIAG zur E.on AG ein Aktienpaket des Energieriesen kaufen zu lassen. Seitdem habe ich in finanzieller Hinsicht fast nur glückliche Tage erlebt. Insbesondere unter dem Vorstandsvorsitz von Herrn Bernotat hat das Unternehmen eine Entwicklung genommen, die in der Finanz- und Managementwelt mit Dauerandachten und Opferfesten abgefeiert werden müsste.
Leider hat das Ganze auch eine Kehrseite, jedenfalls aus Sicht des Verbrauchers. In seinem Wettbewerbs- und Kundenbeziehungsverhalten agiert E.on nämlich nach wie vor mit den in Jahrzehnten andressierten Beißreflexen des ehemaligen Staatsmonopolkapitalisten. Eine zur Zeit in vielen Medien geschaltete Anzeige ist ein besonders eklatantes Beispiel der Art von Verbraucher-Verarschung, wie man sie von E.on bereits aus der Verangenheit kennt (ich erinnere nur an die unsägliche „Mix it, Baby!“-Kampagne mit Arnold Schwarzenegger).
Unter der Schlagzeile „Strom könnte deutlich billiger sein als vor acht Jahren.” wird mit einer Dreistigkeit desinformiert, für die man den elektrischen Stuhl anwerfen sollte. Behauptet E.on da doch tatsächlich, der durchschnittliche Stromversorgeranteil am Strompreis sei seit Beginn der Strommarktliberalisierung um 8% gesunken. Stimmt. Verschwiegen aber wird, dass dieser Anteil seit 2000 (dem Tiefststand der Strompreise für Privatkunden) um sageundschreibe 31,78% gestiegen ist. Und warum ist er gestiegen? Ganz einfach, weil sich seit dem der gesamte Energiemarkt auf der Anbieterseite neu strukturiert und zu einem soliden Oligopol konsolidiert hat. Da wurde in großem Stil fusioniert, aufgekauft und der aufkeimende freie Wettbewerb so massiv und so ausdauernd behindert, dass heute nahezu alle neuen Stromanbieter aus der Aufbruchzeit des „freien” Marktes verschwunden sind.
Wir alle haben seitdem die bittere Lektion lernen müssen, dass man von den Energiekonzernen staats- und gesellschaftspolitische Verantwortung nicht erwarten darf. In gemeiner marktwirtschaftlicher Schonungs- und Rücksichtslosigkeit haben sie die legalen Möglichkeiten radikal genutzt, die ihnen die Regierung Kohl mit ihrer abenteuerlich dilettantischen Marktöffnungsgesetzgebung eröffnet hat.
Man muss den Energiekonzernen leider zugestehen, dass sie bei der Durchsetzung ihrer Eigeninteressen weitaus klüger und effektiver vorgegangen sind, als weite Teile der Politik bei der Wahrung des öffentlichen Wohls. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Energiekonzerne heutzutage nicht mehr als Entsorgungsanstalten für gescheiterte oder aus anderweitigen Gründen untragbar gewordene Politiker dienen. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Mein Fazit: Fairer Wettbewerb zum Nutzen aller Marktteilnehmer wird im Energiemarkt am effektivsten dadurch ermöglicht, dass man die Netze unter staatliche Kontrolle bringt. Schließlich käme ja auch keiner auf die Idee, den Betrieb von Deutschlands Autobahnnetz den etablierten Autokonzernen zu überlassen. Nur so ist der neutrale und diskriminierungsfreie Zugang gewährleistet. Nur so könnten ein für alle mal bundeseinheitliche Durchleitungsgebühren festgelegt werden. Und nur so könnte man sicher stellen, dass bundesweit stets die notwendigen Investitionen in den Ausbau und die Sicherheit der Infrastruktur getätigt werden.
„Enteignet E.on!“ wäre endlich mal ein politisches Programm, für das es sich lohnen würde, auf die Straße zu gehen. Und sowas sage ich als Frontschwein der freien Marktwirtschaft.

Quelle: Verband der Elektrizitätswirtschaft e.V.




Lieber Bernd Kreutz. Vom Saulus zum Paulus? Du hast doch mit großer Energie und beneidenswerter Intelligenz die Energiegangster versucht hoffähig zu machen....
Kommentiert von: Jochen Beithan | 14. Dezember 06 um 20:02 Uhr