Blogger sind Umweltverschmutzer – sagt WALLPAPER-Erfinder Tyler Brûlé
Ausschnitt aus FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG vom 11. Februar 2007
Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Hamburger Werbeagentur-Teilhaber Jean-Remy von Matt für einen Sturm im Wasserglas sorgte, als er Blogs pauschal als „Klowände des Internet” denunzierte. In die gleiche Kerbe haut nun der Journalist Tyler Brûlé, der Mann, der das Lifestyle-Magazin WALLPAPER erfunden und einige Zeit geleitet hat, ein Blatt, das für mich von Anbeginn das ultimative Hochglanzprodukt westlicher Dekadenz im Endstadium war. Unvergessen auch sein Husarenstück, das Erscheinungsbild der Swiss International Air Lines, das ihn in kürzester Zeit zum Multimillionär gemacht haben dürfte. Deren Flugzeuge sehen dank seiner Tätigkeit als Dekorateur und Fassadenkosmetiker aus wie von der Pharmaindustrie gesponsorte Patiententransporter einer Eidgenössischen Zentralanstalt für Psychiatrie. Dieser Tyler Brûlé bringt diese Woche ein neues Magazin auf den Markt, in seinen eigenen blumigen Worten sogar eine „Medienmarke”, darunter macht es einer wie er wohl nicht. Nach allem, was ich bisher gehört und gelesen habe, wieder ein „must have” einer kleinen, sich als Elite dünkenden Gesellschaftsschicht. Diesmal ist es die Gemeinschaft der global tätigen Heimatlosen.
In der FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG hat man ihm gestern eine nur mühsam als Interview kaschierte, fast ganzseitige kostenlose Werbefläche zur Verfügung gestellt. Daraus ein Zitat: „Nicht von ungefähr hat der ‚Economist’ gerade in den USA Erfolg, wo sich die Medienlandschaft in diese Blogosphäre verwandelt und wo jeder versucht, sein eigener Medienexperte und politischer Kommentator zu sein, und der ‚Economist’ mit seinem scharfen Profil und seiner klaren Stimme durch all diese, na ja: Umweltverschmutzung hindurchschneidet.”
Meine Antwort darauf ist ein Offener Brief:
Sehr geehrter Herr Brûlé,
ich habe mit Interesse Ihr Interview in der FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG vom 11. Februar 2007 gelesen, in der Sie Blogger mit Umweltverseuchern gleichsetzen. Sie mögen zwar ein Zyniker sein und rücksichtslos, ganz gewiss aber sind Sie nicht dumm genug, um nicht bewusst in Kauf genommen zu haben, dass Ihre Äußerung auch als eine mit perverser Herrenmenschen-Attitüde vorgetragene geistige Brandstiftung verstanden werden kann. So etwas in der FAZ lesen zu müssen hat im Hinblick auf die deutsche Geschichte eine besondere Ironie. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie Ihrem Selbstbefriedigungstrieb künftig unter Ausschluss der Öffentlichkeit nachkommen könnten. Bitte verzeihen Sie die Stillosigkeit, Ihnen dies in einem Blog mitzuteilen. Lieber wäre mir gewesen, ich hätte diese Zeilen mit einer Redis-Feder und königsblauer Tinte auf handgeschöpftes Büttenpapier schreiben, liebevoll zusammenrollen, mit einem rosaroten Schleifchen versehen und Ihnen persönlich mit spitzen Fingern in den gepflegten Hintern stecken können.
Hochachtungslos
Bernd Kreutz




"Nicht von ungefähr hat der ‚Economist’ gerade in den USA Erfolg, wo sich die Medienlandschaft in diese Blogosphäre verwandelt." So so, sowas darf der Herr Brûlé in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG von sich geben -- und der Herr Interviewer lässt diesen Schwachsinn so mir-nichts-dir-nichts durch. Brûlés Insinuation einer Korelation von ECONOMIST-Erfolg und der blogosphärischen Explosion in den USA ist schon deshalb grotesk, weil der ECONOMIST bereits über die Häfte seiner Auflage in den USA verkaufte, als noch nicht einmal der Zeit-Geistliche Brûlé wusste, wer oder was ein Weblog ist. Der internationale Vertriebschef des ECONOMIST, Christopher Collins, lieferte kürzlich die wahren Gründe für die spektakulären Auflagensteigerungen der vergangenen Jahre: Erstens das Redesign des Blattes von 2001 ("In May of that year The Economist was redesigned which included the introduction of full colour editorial for the first time. Not only did the paper look lighter and fresher it also looked newer...") und zweitens der 11. September ("In the weeks that followed 9/11 many people turned to, or in some cases, returned to The Economist. What they found was a title that was well researched, well written, clear, objective and independent..."). Von Brûlés "umweltverschmutzenden" Blogs hat er nichts gesagt. (Nebenbei bemerkt kann der ECONOMIST von Glück sagen, dass er sein Redesign damals Erik Spiekermann und nicht Tyler Brûlé anvertraut hatte. Denn sonst wäre zu befürchten gewesen, dass das Blatt inzwischen an Designanämie eingegangen wäre.) Natürlich hat der Herr Brûlé den ECONOMIST "nicht von ungefähr" erwähnt, sondern damit sich dessen redaktionelles Renommée auf seine eigene "Medienmarke" abreibt. Bin gespannt, wie er es hinkriegen will, mit seinen gerade mal zehn Ausgaben im Jahr aktuellen Inhalt auf ECONOMIST-Niveau aufs Hochglanzpapier zu bringen. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG wird mich doch sicher darüber auf dem Laufenden halten, oder nicht?
Kommentiert von: Rulf | 12. Februar 07 at 13:29 Uhr
"...dass Ihre Äußerung auch als eine mit perverser Herrenmenschen-Attitüde vorgetragene geistige Brandstiftung verstanden werden kann. So etwas in der FAZ lesen zu müssen hat im Hinblick auf die deutsche Geschichte eine besondere Ironie."
Oha. Darunter machen wir's wohl auch nicht gerne, oder? Die Meinung einer anderen Person nicht zu akzeptieren, finde ich ja okay. Aber wegen so etwas gleich mit der ganz großen Nazikeule zu kommen? Ich weiß nicht...
Kommentiert von: Martin | 12. Februar 07 at 22:57 Uhr
l.h.k.,
musste mir die créme brûlé erst aus dem papierkorb fischen, da am wochende abwesend. sie sind doch sonst eher ein florettfechter, warum plötzlich den wenig eleganten säbel? einen brüllenden tyler mit unseren sog. besonderen nazi-befindlichkeiten zu konfrontieren, macht wenig laune. dann..., als dreingabe noch den popostecker stöpseln? irgendwie "sounded" das nicht richtig.
mit verlaub, ihr dh
Kommentiert von: Dietmar Henneka | 13. Februar 07 at 16:44 Uhr
gott, herr kreutz!
ich kenne sie nicht persönlich, aber: haben sie etwas zu kompensieren?
ohne hier für die arbeiten tyler brûlés oder diesen selbst eine lanze brechen zu wollen - ich kenne den artikel in der FASZ und kann in anbetracht ihres polemischen kommentares gut verstehen, was herr brûlé mit "umweltverschmutzung" meint: die tasache, daß jeder von minderwertigkeitsgefühlen geplagte mensch seinen senf zu allem geben darf, ohne auf eine nicht bewertende form achten zu müssen.
wenn das ziel eines blogs ist, ohne nachzudenken nach rechts und links zu schlagen, ohne auch nur im ansatz eine fremde meinung gelten zu lassen, dann wünsche ich ihnen allen noch viel vergnügen - doch mit einer vermeintlich "freien meinungsäußerung" hat dies nichts mehr zu tun!
die qualität eines artikels entspringt seinem inhalt - nicht seinen hochtrabenden und hochnäsigen äußerungen wie:
"Deren Flugzeuge sehen dank seiner Tätigkeit als Dekorateur und Fassadenkosmetiker aus wie von der Pharmaindustrie gesponsorte Patiententransporter einer Eidgenössischen Zentralanstalt für Psychiatrie."!
sie führen unter BUCHEMPFEHLUNGEN ein werk zu otl aicher an. gewiß ist es ein harter vergleich zwischen aicher und brûlé - aber mir scheint es auch, als hätten sie sich nicht wirklich mit dem schaffen aichers beschäftigt - kennen sie dessen eigentlichen entwürfe für die lufthansa überhaupt?
nur auf hervorragende kreative zu verweisen, macht einen selbst noch nicht zu einem solchen! wer will hier, daß etwas auf ihn abfärbt?!
und dann ihr "hochachtungslos".... wie peinlich - und so ohne stil!
ich kann ihnen dennoch einen schönen abend wünschen und verbleibe mit freundlichen grüßen, ihr fabian smit
Kommentiert von: Fabian Smit | 05. März 07 at 20:58 Uhr