„Ihr Völker der Welt ... Schaut auf diese Stadt.” Klaus Wowereit will als Regierender Bürgermeister aus Berlin eine „Marke” machen
Klaus Wowereit scheint ein schlauer Kopf zu sein und keinerlei Berührungsängste zu haben, weder politisch noch menschlich. Er hat einen bislang ungetrübten Instinkt dafür, was speziell das Berliner Wahlvolk insgeheim erwartet und erhofft, was ihm abverlangt und zugemutet werden kann, was ihm geboten und versprochen werden muss, was politisch getan und was besser unterlassen werden sollte, damit es ihm auf ewig die Treue hält. Die Medienmeute ist ihm ohnehin ergeben, seit er ihr mit seinem tabubrechenden Bekenntnis „Ich bin schwul – und das ist auch gut so” einen verbalen Gassenhauer geliefert hat, der noch lange im kollektiven Gedächtnis unserer Nation verwahrt werden wird. Auch seine schonungslose politische Analyse, wonach Berlin zwar „arm, aber sexy” sei, ist ein rhetorisches Meisterstück, welches völlig vergessen ließ, dass dieser in Wirklichkeit erbärmliche Zustand zum Zeitpunkt der Äußerung auch eine Folge seiner Politik war. Hätte es sich nicht herumgesprochen, dass der amerikanische Präsident John F. Kennedy es war, der den berühmten Satz „Ich bin ein Berliner” gesprochen hat, hielte man den für einen genialen, alle und alles vereinnahmenden Slogan auf einem Wahlplakat Wowereits. „Wowi”, wie die Berliner Medien ihn anbiedernd und anbetend zugleich getauft haben, wird gewählt, wofür andere andernorts abgewählt, und geliebt, wofür andere gehasst würden. In der Großstadt, deren mediale Promi-Hitparade über viele Jahre von einem Kudamm-Discobetreiber und einem zugereisten schwäbischen Friseur angeführt wurde, ist „Wowi” inzwischen der unangefochtene Superstar. Nachdem er sogar vom Titelblatt des amerikanischen Time-Magazine blicken durfte, muss es für ihn allerdings eine bittere Enttäuschung gewesen sein, die Lufthoheit über den Berliner Stammtischen, Vernissagen, Events und politischen Diskursbuden für einige Wochen an „Knut” verloren zu haben. Zumal sein Parteigenosse, Bundesumweltminister Gabriel, schneller als er kapiert hatte, dass man auch mit einem Eisbären auf Stimmenfang gehen kann.
Vielleicht war es diese Erfahrung, die Wowereit angespornt hat, die finale intellektuelle und politische Herausforderung zu suchen, ein Projekt, das ihn unsterblich machen wird. Und er ist fündig geworden: Berlin soll noch während seiner Amtszeit zu einer „Marke” werden. Basierend auf einer leibhaftigen „Markenstrategie” und in aller Welt verkündet durch eine gebenedeite „Dachmarkenkampagne”. „Knut” ist eine Marke, „Wowi” ist eine Marke, „bruno banani” ist eine Marke, da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, mag er sich gedacht haben, wenn man aus Berlin nicht auch eine Marke machen könnte.
Die Marke war mal ein gehaltvoller, geheimnisumwitterter und kommerziell vielversprechender Begriff. Wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigte, dann meist in Begleitung: Markenartikel, Markenname, Markenzeichen. Dann aber, Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, haben sich ein paar äußerst kluge und weitsichtige, aber auch geschäftstüchtige und skrupellose Unternehmensberater dieses Begriffs bemächtigt. Erstmal haben sie ihn von einer Horde geistesgestörter und enthemmter Nachwuchskräfte mehrfach hintereinander vergewaltigen lassen. Als er endlich gefügig war, musste er anschaffen gehen, zunächst im Topmanagement von Konzernen. Als sie schon etwas an Schönheit und Anziehungskraft verloren hatte, führte man die Marke ausgewählten Medienvertretern zu, gratis natürlich. Sie mussten nur ein bisschen was über sie berichten. Jeder durfte mit ihr machen, was er wollte, was natürlich richtig geil war. Der raffinierte Plan: wenn die schon etwas lädierte Nutte erst mal berühmt ist, dann wird sie auch wieder begehrt werden. Und zwar von mehr Managern als je zuvor, zur Not auch von Abteilungsleitern in mittelständischen Betrieben, wenn sie mittags mal Zeit hatten.
Es ist nicht ohne Ironie, dass die Marke, nun, wo sie völlig heruntergekommen ist, auf dem Straßenstrich auf und ab geht und für nichts mehr steht, außer für sich selbst, dass sie ausgerechnet jetzt in das politische Vokabular einzusickern beginnt. Wurden noch vor nicht allzu langer Zeit dümmliche Versuche völlig kulturresistenter Consultants und Profiabzocker, sogar Nationen als Marken zu definieren, von Politikern aller Couleur mitleidig belächelt, sind wir inzwischen soweit, dass schon eine SPD-Politiknachwuchsfachfrau wie Andrea Nahles im Fernsehen ungestraft sagen darf, politisches Ziel müsse sein, „die Marke SPD zu stärken”. Deshalb wundert es nicht, dass nun Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit richtig Lust hat, aus seiner Stadt eine „Marke” zu machen. Der Mann hat ja auch überhaupt keine anderen Sorgen mehr. Berlin auch nicht. Und wir auch nicht. Gute Nacht, Deutschland.
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Speziell der Teil über die "Politik" von Klaus Wowereit spricht mir voll und ganz aus dem Herzen, seit ich das recht durchwachsene Vergnügen habe, in Berlin zu wohnen und mir schon öfters die Frage gestellt habe, warum das Wahlvolk ihn nicht einfach zum Teufel geschickt hat. Vermutlich sagt das mehr über das Berliner Wahlvolk aus, als über die Qualitäten "Wowis". Wie dieser Mensch zum "Hoffnungsträger" der SPD avancieren konnte sagt seinerseits wiederum mehr über den Zustand der SPD, als über die Qualitäten von "Wowi" aus. Was genau sind denn nun seine Qualitäten? Und das Dasein als Marke ist vermutlich genau das, auf was die Berliner schon lange gewartet haben.
Rätselhafte Hauptstadt.
Kommentiert von: wk | 15. Oktober 07 um 11:56 Uhr
Wowereit enthält sich der Angabe einer
Emailadresse im Unterschied zu Barack Obama.
Natürlich stellt sich die Frage, was dieser
Mann für die Stadt Berlin leistet bzw.
geleistet hat? Die Frage stellt sich auch
für den Rest der Gewählten.
Kommentiert von: Kimmich | 05. November 08 um 09:29 Uhr