Blendtec-Chef Tom Dickson schreddert ein iPhone
Willi Pfannenschwarz ist Kult. Jeder, der im deutschen Südwesten lebt, hat schon mal einen seiner legendären, selbsterdachten und –produzierten Funkspots auf SWR3 gehört. Je öfter er mit schwäbischem Akzent und begleitet von Gitarre oder Hammond-Orgel sein unvergleichliches „Seitenbacher-Müsli – lecker, lecker, lecker” anpreist, desto weniger ist man geneigt, zu einem der vielen Konkurrenzprodukte zu greifen, die mit standardisierten Marketingmethoden zwar professionell korrekt angeboten werden, plötzlich aber irgendwie unzeitgemäß und kalt wirken. Seelenlose industrielle Massenware eben.
Die Seitenbacher Naturkost GmbH wurde 1980 von Willi Pfannenschwarz in Waldenbuch gegründet und nach einem nahen Bach, dem Seitenbach, benannt. Heute beschäftigt das Unternehmen schon über 120 Mitarbeiter. Neuerdings werden ebenso extrem leckere TV-Spots produziert, mit einem sehr spezifischen „Production Value“ – mit diesem Begriff erklären professionelle Werbefilm-Produzenten ihren Kunden, warum teure Filme besser sind. Der handgestrickte Internetauftritt von Seitenbacher tut ein Übriges, dass man diese Firma einfach lieben muss. Unbedingt Spots anhören und anschauen. Hier.
Vermutlich hat Pfannenschwarz aus der Not gehandelt, sich keine Werbeprofis leisten zu können, oder aus der Überzeugung heraus, dass die auch nur mit Wasser kochen. Vielleicht hat er auch instinktiv und aus eigener Konsumentenerfahrung erkannt, dass Authentizität ein schwer zu imitierender Wettbewerbsvorteil sein kann.
Einen ähnlichen Kultstatus wie Pfannenschwarz hierzulande hat in den USA Tom Dickson. Er ist Chef und Gründer von Blendtec, einem Hersteller äußerst wirkungsvoller Qualitätsmixer und anderer Küchenprodukte. Dickson geht allerdings einen Schritt weiter als Pfannenschwarz. Er verzichtet komplett auf traditionelle Medien und setzt stattdessen konsequent auf das Internet als Kommunikations- und Vertriebskanal. Mit seinen schrägen Produktdemos, bei denen er alle möglichen Produkte schreddert, hat er die Online-Verkaufszahlen angeblich schon um 650 Prozent in die Höhe getrieben. In einem Jahr. Mit praktisch null Kosten. Auf der Blendtec Homepage kann man sich das in Ruhe anschauen. Hier.
Bei aller Verschiedenheit haben diese Beispiele doch eines gemeinsam. Es mag zwar banal klingen, dennoch ist es eine ewige Wahrheit: wer als Unternehmer ein sehr gutes Produkt anbietet, auf das er zu Recht stolz sein kann, wer sein Publikum wirklich mag und sich selbst nicht allzu ernst nimmt, der verfügt über eine Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft, die ein Konzernabteilungsleiter auch mit viel Geld und mit Hilfe sehr guter Dienstleister nur schwer übertreffen kann.




Mir geht es offen gesagt genau andersherum:
Sobald die grausame Seitenbacher-Werbung läuft, drehe ich das Radio leise, und exakt *wegen* dieser Werbung werde ich aus Prinzip nie zu diesem Produkt greifen.
Gespräche mit mehreren Freunden zeigen Ähnliches - die Marke ist bekannt, der Wiedererkennungswert der Werbung ist hoch, aber gegessen hat das Müsli noch niemand. Vielleicht liegt's am Alter (25) oder an der Herkunft (Norddeutschland) ...
Kommentiert von: an0nYm0us | 09. November 07 um 11:33 Uhr
Authentizität vermittelt der Werbespot schon. Das sehe ich ebenso. Allerdings passt er so überhaupt nicht in den hiesigen Berliner Rundfunk [gut, das kann man auch aus Marketingsicht positiv bewerten], sticht daher zuweilen noch negativer aus der ohnehin schlechten Radiowerbung heraus. »Lecker lecker lecker …« allerdings nervt immer.
Kommentiert von: Ivo | 09. November 07 um 13:39 Uhr
also hier mal ein statement von einem echten müsli-user: ich starte jeden tag mit einer schale seitenbacher müsli. allerdings habe ich bis vor kurzem keinen einzigen ihrer werbespots/funkspots gesehen oder gehört und bin auf die website auch nur über ein design-blog gestoplert (spooky award des design tagebuchs).
ich habe einfach viele verschiedene müslis gegessen und bin bei seitenbacher geblieben - aus dem einfachen grund, weil das ein hervorragendes produkt ist.
also werbung hin oder her. gute oder schlechte oder professionelle oder selbstgestrickte: das produkt muss stimmen. dann bleiben die leute auch dem produkt (und wer's hochtrabend haben will, der "marke") treu.
bekanntlich kann man auch schlechte produkte über werbung in den markt drücken. aber siehe mich - bei einem guten produkt kann man sich die werbung komplett schenken. man muss nur ein müsli in ein supermarkregal stellen und darauf warten, dass es jemand isst.
Kommentiert von: wk | 09. November 07 um 13:53 Uhr
Die unterirdischen Werke von Pfannenschwarz sind auch in Düsseldorf zu hören. Der Supergau ist immer, wenn Sekunden später Erwin von Ow seine erstklassige Evolit-Flächenteilspeicherheizung bewirbt. Und peng, Auffahrunfall.
Kommentiert von: fürstibürsti | 09. November 07 um 18:03 Uhr
Kann man so etwas ernsthaft gut finden(also die Werbung, nicht die Produkte, welche ich nicht kenne und daher nicht beurteilen kann)??
Das hat ja schon nicht einmal mehr Nostalgiewert, selbst übelste 50er Jahre Werbung aus der Zeit als man sowas erstmal lernen musste (TV Werbung machen meine ich) ist da meist deutlich stilhafter...
Kommentiert von: UBF | 09. November 07 um 23:35 Uhr