Alles vor Ort (Fotos: B. Kreutz (2), M. Tettinger, R. Kiehl)
Am 28. September 2010 saß ich, arglos wie immer, am Schreibtisch und hörte mit halbem Ohr „Scala – Aktuelles aus der Kultur” auf WDR5. Die Moderatorin kündigte einen Beitrag über die Ausstellung von Ad Reinhardt in Bottrop an und produzierte dabei einen Satz, der mich elektrisierte: „Wir haben die Ausstellung vor Ort besucht.” Ja, da schau her! dachte ich, dieser Strukturwandel! Der beschreitet neuerdings aber schon wirklich ausgefallene Wege, und die aktuelle Berichterstattung immer ganz dicht auf den Fersen. – Aber wenn man bedenkt, wie viele Zechen in den letzten vierzig, fünfzig Jahren dichtgemacht haben … da unten ist ja sonst nix mehr los … warum soll man da keine Ausstellungen veranstalten? Oder Selbstfindungsseminare? Oder Kochkurse? Über Tage macht man sowas ja schon lange, und es passt zum Schluss doch ganz prima ins Kulturhauptstadt-Programm.
Kunstausstellung vor Ort in Bottrop? rätselte ich kurz und wurde schnell fündig: Damit kann eigentlich nur Prosper II gemeint sein, die altehrwürdige Museumszeche mit dem berühmten Malakow-Turm, dieser wunderbaren Bergbau-Zitadelle. Da würde Ad Reinhardt ja prächtig reinpassen, vor allem mit seinen ganz späten Bildern, mit den berühmten Black Paintings. Von der Kohle kaum noch zu unterscheiden. Und er selber ist ja auch schon lange unter der Erde. – Klasse Konzept!
Aber schon nach ein paar Sätzen wurde meine Begeisterung jäh gedämpft, und mir schwante: Der Kulturberichterstatter war gar nicht vor Ort, er war gar nicht unter Tage, nicht auf der sechsten oder siebten Sohle, auch nicht auf der ersten, ja noch nicht einmal auf Prosper II, sondern ganz woanders. Es stellte sich heraus, dass er in Wirklichkeit
in Bottrop ein ganz normales Museum aufgesucht hatte, das Quadrat nämlich, um die Welt mit der Kunst von Ad Reinhardt bekannt zu machen. Keine beklemmende Einfahrt in die Grube also und kein existentielles Kunsterlebnis in gebückter Haltung am Ende eines Strebs, vor Kohle, in stickiger, staubiger Luft. Aber warum dann vor Ort? Was war damit bloß gemeint? Und wo, um Himmels Willen, fragte ich mich, hat man denn früher Ausstellungen besucht, die in Bottrop stattfanden? Ist man dazu nach Lüdenscheid gefahren? Nach Soest? Nach Lüttich? Oder nach Radebeul? – Erst am späten Nachmittag legte sich meine Ratlosigkeit.
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Wo fühlt sich ein deutscher Journalist, Redakteur, Korrespondent oder Reporter am wohlsten? Wo fühlt er sich zu Hause wie nirgendwo sonst? Wo läuft er zur Hochform auf? Wo wird ihm auch bei 30 Grad minus warm ums Herz? Na? – Genau: Vor Ort. Vorzugsweise live. Live vor Ort – das ist überhaupt nicht mehr zu toppen, das ist der Himmel auf Erden für alle Berichterstatter rund um den Globus.
Ein zeitgenössischer Reporter ist von Berufs wegen praktisch immer vor Ort, 24 Stunden am Tag, auch wenn er sich seinen Beitrag grade bei Starbucks am Laptop zusammengoogelt. Er ist vor Ort in Kundus, in Kairo, in Bengasi oder im brasilianischen Regenwald genau so wie in sämtlichen Metropolen dieser Welt, aber auch in Köln-Nippes oder eben in Bottrop. (Wenn er nicht grade einen Termin im Vorfeld wahrnimmt; häufig fällt beides sogar zusammen). Doch nicht nur die allgegenwärtigen Berichterstatter und Reporter sind inzwischen unentwegt vor Ort oder auf dem Weg dahin, sondern – und hier offenbart diese Phrase eine völlig unvermutete, eine ontologische Dimension: Wir alle sind es, ausnahmslos, egal wo wir uns grade aufhalten.
Das Vor-Ort-Sein hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zu einer nachgerade anthropologischen Konstanten entwickelt, zu einer philosophischen Kategorie völlig neuen Typs, unhintergehbar und unentrinnbar wie nur irgendein Apriori seit Kant. Ja, haben wir’s am Ende – aber, bitte, das ist jetzt wirklich rein spekulativ –: Haben wir’s am Ende nicht vielleicht sogar mit der zeitgemäßen Form, mit einem post-postmodernen Update gewissermaßen, des Heideggerschen Geworfen-Seins zu tun: Kaum geboren, schon vor Ort? Und wo waren wir davor? Natürlich auch vor Ort, im Uterus, dem Ur- und Vor-Ort schlechthin! Doch selbst hier kann heute kein Mensch, kein Fötus mehr vor Reportern oder anderen Zeitgenossen sicher sein: Sie sind womöglich schon vor ihm da. – Aber jetzt lasse ich mich hinreißen.
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Der Automatismus, die Zwanghaftigkeit, die geistesabwesende Besessenheit, mit der semantische Hohlkörper wie vor Ort seit vielen Jahren in nahezu jeder Nachrichtensendung, in jeder Talkshow und jeder öffentlichen Verlautbarung auftauchen und früher oder später aus jedem Kopf herauspurzeln, dem ein Mikrofon hingehalten wird, lassen vermuten, dass man sich davon etwas ganz Besonderes verspricht. Sie müssen etwas Magisches haben, jedenfalls für alle, die sie benutzen und hoffen, dass sich diese Magie auf die Zuschauer, Hörer oder Leser überträgt. Das kann jeder nachprüfen, der bloß mal einen Tag lang die Augen und die Ohren offen hält.
Wie aber lässt sich die Allgegenwart derart substanzfreier Amöbenwörter (Uwe Pörksen) wie vor Ort erklären? Was macht sie eigentlich so unwiderstehlich, dass sie buchstäblich in aller Munde sind? Eben genau dies: dass durch jahre- oder jahrzehntelangen hirn- und hemmungslosen Gebrauch jede konkrete Bedeutung aus ihnen herausgekaut und -gelutscht worden ist (alter Kaugummi Geschmackssensation dagegen); dass kein Mensch mehr weiß oder wissen will, wo sie herkommen und was sie, wenn überhaupt, vielleicht einmal bedeutet haben; dass sie immer passen und widerstandslos in jeden Satz, in jede Mitteilung hineingekeilt werden können; dass sie selbst zwar so gut wie nichts mehr zu sagen haben, dass ihnen aber jede gewünschte Bedeutung aufmoduliert werden kann.
Vor Ort gehört – neben ein paar Dutzend andern Wörtern und Ausdrücken – zum Zeitgeistkonformen Kernbestand an Phrasen, ohne den sich heute anscheinend kaum einer mehr traut, den Mund aufzumachen. Sie sind die Eiserne Ration eines jeden Redakteurs, Reporters oder Journalisten sowie seines jeweiligen Gegenübers. Ohne vollständige Kenntnis dieses Repertoires und seiner Verwendungsregeln darf sich offensichtlich kein Mensch mehr an einer öffentlichen Diskussion beteiligen. Aber nicht nur Pressesprecher, Fußballtrainer, Fraktionsvorsitzende, In- und Auslandskorrespondenten, Gewerkschaftsvertreter oder Verbandsfunktionäre treiben Unzucht damit, selbst erlauchte Köpfe mit akademischem Hintergrund und sogar BüchnerpreistraÅNger sind nicht dagegen gefeit. Auch der allerprivateste Sprachgebrauch ist inzwischen damit verpestet – es gibt kein Entrinnen mehr. Beim Reden werden sämtliche Instanzen der Selbstwahrnehmung und -kontrolle ausgeschaltet, das Sprechzentrum agiert vollkommen autonom und garniert die Sätze mit dem, was grade so rumliegt. Und vor Ort liegt immer ganz weit vorne.
Vor Ort suggeriert zunächst einmal – da schwingen wohl immer noch Reste seiner Herkunft mit – etwas Zupackendes, es hört sich immer nach aufgekrempelten Ärmeln und verdreckten Gummistiefeln an, nach staubigen Pisten, Maschinengewehrfeuer oder Windstärke 12. Aber – und hier wird’s wieder magisch –: es soll auch Vertrauen einflößen, es soll auch was Muggeliges (Dittsche) haben, soll nach Nachbarschaft klingen, nach Zuverlässigkeit, nach gleich nebenan, gegenüber, um die Ecke, ganz nah dran, bei euch, bei dir … Und damit wären wir bei Schlecker.
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Es war völlig unvermeidlich, dass solch ein anämischer Wechselbalg früher oder später auch die Begehrlichkeit von PR-, Marketing- und Werbe-Spezialisten wecken würde. Und tatsächlich: Jetzt, wo diese ehemals rechtschaffene Bezeichnung für einen der härtesten und erbarmungslosesten Arbeitsplätze in unserer Volkswirtschaft nach Jahren des besinnungslosen Missbrauchs zur vollkommenen Bedeutungsleere heruntergekommen und zu rein gar nichts mehr zu gebrauchen ist, ausgerechnet jetzt lässt sich ausgerechnet das schwäbische Traditionsunternehmen Schlecker von einer Düsseldorfer Reklamefirma zur Kennzeichnung des unternehmerischen Neuanfangs diesen Claim andrehen: FOR YOU. VOR ORT. – Man macht sich von der Ödnis in den Hirnen, die so was in die Welt setzen, überhaupt keine Vorstellung.
Seit der Präsentation dieser vier Silben im April dieses Jahres ist aus berufenen und unberufenen Mündern reichlich Kritik und Häme auf Schlecker und die Düsseldorfer Ideenbotschaft Grey niedergeprasselt. Bereits am 3. Mai hat das Branchenblatt HORIZONT ermittelt, dass der Claim bei 77 Prozent der von ihm Befragten völlig durchgefallen ist, 10 Prozent wussten nicht so recht, und 13 Prozent fanden ihn schlicht super – immerhin.
Geschäftsführer und Managing Director Jörg Elfmann lässt sich durch solche Kritik aber nicht beirren, er heuchelt vielmehr Genugtuung darüber, dass der Claim kontrovers aufgenommen wurde, das komme der Sache nur zugute, und verteidigt tapfer diese Steißgeburt, was soll er sonst auch machen, er hat ja schließlich viel Geld dafür bekommen. Er verweist darauf, dass For You. Vor Ort. bei Tests unter 25 Varianten am besten abgeschnitten hat, und hält das allein schon für einen Qualitätsbeweis (die 24 abgeschlagenen Kandidaten möchte man doch zu gerne mal kennenlernen). Bei den von Grey Befragten handelt es sich vermutlich um genau die 13 Prozent, die bei der Horizont-Umfrage als Befürworter ausgemacht wurden.
Bewiesen ist dadurch aber allenfalls, dass man mit Hilfe der Marktforschung herausfinden kann, welches von 25 Häufchen Hundescheiße am leckersten aussieht oder schmeckt oder ob die Würstchenform dem Brei vorzuziehen ist. Für einen guten Claim aber – ebenso wie für vieles andere – braucht man, neben guten Ideen, und für die hat man seine Leute, nichts weiter als Urteilsvermögen und Entscheidungsbefugnis. Beides traut sich schon lange keiner mehr zu, denn das hieße: Verantwortung übernehmen. Die lässt man lieber in Gremien oder bei anonymen Befragungen verdunsten, dann ist man hinterher immer auf der sicheren Seite. Nach diesem Verständnis hat ein Testergebnis grundsätzlich recht, völlig wurscht, wie es zustande gekommen ist und was es zutage fördert.
Kontrovers würde indessen bedeuten, dass sich außer den Kreativ-Diplomaten von der Ideenbotschaft und der Unternehmensführung in Ehingen, die dafür bezahlt hat und jetzt versucht, damit irgendwie zurechtzukommen, sonst noch jemand findet, der diesem Hybrid-Bastard, der hilflos zwischen den beiden missbrauchten Sprachen dahinvegetiert, irgendetwas Positives abgewinnen kann. Eine erdrückende Mehrheit erkennt jedoch in diesen vier Wörtern genau das, was sie sind: Wörterschrott. Semantischen Sondermüll, dem sogar auf Axel Hackes Wortstoffhof die Annahme verweigert werden dürfte. Eines Tages wird sich das auch bis zum Düsseldorfer Platz der Ideen und zur Ehinger Talstraße herumgesprochen haben. – Kontroversen sahen früher anders aus.
Die Schleckers mögen sich immerhin dadurch entlastet fühlen, dass vor Ort kein natürlicher Bestandteil des traditionellen schwäbischen Wörtervorrats ist, bis vor wenigen Jahren war es in Ehingen und drumherum noch gänzlich unbekannt, erst in diesem Frühjahr hat man es notgedrungen als Zuwanderer akzeptiert, als eine Wendung mit Migrationshintergrund. Mit For you hat man sich schon sehr viel leichter getan, das ist schließlich kein Hochdeutsch und tut noch nicht mal so.
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Schauen wir zum Schluss den Claim-Werkern in der Ideenbotschaft noch kurz bei den letzten Schleifarbeiten zu: Vor Ort stand inzwischen fest, unumstößlich, das hatte man in wochenlangen Recherchen als die Formel mit dem höchsten Originalitätsgrad und Alleinstellungspotential ausfindig gemacht, das war unstrittig: überraschend, bedeutungsprall, frisch und unverbraucht, ideal für den Neubeginn bei Schlecker mit seinen plus/minus 8000 Filialen. Vor allem konnte man sich damit souverän und unmissverständlich zur Telekom auf Distanz bringen, der nichts Gescheiteres eingefallen ist als Für Sie – vor Ort!. Global Player? Lachhaft! Noch nicht mal Englisch können die! Von den unzähligen anderen Usurpatoren gar nicht erst zu reden. (Es läßt sich ja überhaupt nicht mehr beschreiben, was an diesem magischen Ort inzwischen für ein unmenschliches Gedränge herrscht, ein Hauen und Stechen beim Abstecken der Claims, so was hat es seit den rauhen Zeiten in den Black Hills und am Klondike River nicht mehr gegeben.)
Vor Ort also. Die Frage war jetzt nur noch: Für wen eigentlich? Für Kreti? Für Pleti? Für mich? Für dich? Für alle? Für die breite Masse? Für die Angehörigen des niederen bis mittleren Bildungsniveaus? Ganz schwere Entscheidung. – Am Ende lagen folgende Alternativen auf dem Tisch: Für dich. Vor Ort. / Für Euch. Vor Ort. / Für Sie. Vor Ort. / For You. Vor Ort. Für dich oder Für euch klang den Kommunikations-Spezialisten wahrscheinlich zu vertraulich, zu plump und Für Sie zu distanziert. For You war allemal vorzuziehen, da kann sich jeder aussuchen, ob er gesiezt oder geduzt werden will; so viel Krüppel-Englisch versteht bei uns ja wohl jeder, selbst die Käufer bei Schlecker. Ein weiterer Vorzug: Damit kann man auch die internationalen Kunden packen, die sich an den Schleckerkassen stundenlang die Beine in den Bauch stehen. Irgendwann aber während der zermürbenden Wartezeit gleitet ihr Blick über den Slogan, sie lesen FOR YOU, sind versöhnt und sagen sich: Hier sind wir gemeint, hier sind wir zu Hause, hier lassen wir gerne unser Geld, egal wie lange das dauert. Was VOR ORT bedeutet müssen sie gar nicht mehr wissen.
Falls einen Kenner das aber doch interessieren sollte, und er käme auf die Idee, diesen Ausdruck zu übersetzen, dann würde es sich vermutlich so anhören: At the Face.
Und damit sind wir völlig überraschend wieder dort, wo wir aufgebrochen sind: in Bottrop.
Glückauf!




„Hier für Dich!“ hätte zusätzlich zum „Wir sind da“ eine imperative „Komm rein, dann bekommst du was“-Komponente (auch wenn da streng genommen das Komma fehlt). Wär das besser?
Kommentiert von: batteur | 13. November 11 um 12:48 Uhr