HandelsBLATT macht auf HandelsBLÖD
„Substanz entscheidet. Das HANDELSBLATT ist die größte Wirtschafts- und Finanzzeitung in deutscher Sprache. Rund 180 Redakteure und Korrespondenten weltweit stehen für einen kritisch-analytischen Journalismus, der zu nationalen und globalen Themen und Anlässen exklusiv und aktuell recherchiert und analysiert. Es unterhält mit über 30 Korrespondenten, davon 20 eigenen Korrespondenten, weltweit eines der größten Netzwerke unter den deutschen Tageszeitungen.”
So stellt die Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH & Co. KG ihr Hauptprodukt vor. Sein publizistisches Selbstverständnis definiert das Medienunternehmen wie folgt:
„Unsere publizistische Kultur ist geprägt durch das Streben nach hoher Qualität und hohem intellektuellem Standard, nach Unabhängigkeit, Fairness und Seriosität der redaktionellen Leistung. Der moderne Wirtschaftsjournalist taucht ‚tief’ in seine spezifische Fachmaterie ein, er beherrscht das wirtschaftliche Einmaleins perfekt, er kennt seine Gesprächspartner, seine ‚Quellen’, und kann deren Gehalt einschätzen.”
Am Wochenende ergab sich die Gelegenheit, dieses journalistische Credo an der Realität zu messen. An einem Thema, das mich interessiert.
Sage und schreibe zehn Seiten hat das Blatt dem Thema „Ich-Marketing” gewidmet. Sage und schreibe zehn Journalisten haben an dem Thema gearbeitet, Ressortleiter und Chefredakteur nicht eingeschlossen. Und was haben Catrin Bilalek, Claudia Schumacher,
Nichts, aber auch gar nichts, was auch nur annähernd dem Anspruch der „publizistischen Kultur” ihres Arbeitgebers genügt. Zehn Seiten voller 3G - Gefasel, Geschwafel, Gewäsch. Null Information. Null Erkenntnis. Null Nutzwert.
Aber ein paar Sätze verdienen es doch, hervorgehoben zu werden. Denn sie demonstrieren, wie traurig es um die Fähigkeit des HANDELSBLATT zur Sachinformation, Analyse und Kritik steht:
„Steve Ballmer, Chef des Softwaregiganten Microsoft, setzt auf Ich-Marketing, wenn er seinen Konkurrenten öffentlich die Zunge herausstreckt.”
Falsch. Das ist gerade kein Beispiel für Ich-Marketing, sondern einfach nur schlechtes Benehmen.
„Der Mensch orientiert sich am liebsten am Menschen. Power-Point war gestern.”
Richtig. Aber leider ohne Sinnzusammenhang.
„Steigt der persönliche Reputationswert des Managers um zehn Prozent, erhöht sich der Börsenwert des Unternehmens um 24 Prozent.”
Falsch. Das ist in Wirklichkeit verantwortungsloses Nachgeplapper der Presseinformation einer Public-Relations-Agentur auf der Suche nach Kunden. Es wäre journalistisch angebrachter, die Substanz und das Zustandekommen solcher Studien kritisch unter die Lupe zu nehmen, statt sich als nützliche Idioten missbrauchen zu lassen.
„Nie hatte Industriegas mehr Sexappeal.”
Falsch. Dass HANDELSBLATT-Journalistinnen angesichts des erotisierenden Vorstandsvorsitzenden der Linde AG wuschig werden, ist erklärbar. Nicht aber, dass sich aus demselben Grund der Sexappeal von Industriegas steigern ließe. Sehr Lachgasverdächtig.
„Es gilt, die alten Tugenden der langweiligen, aber erfolgreichen Deutschland AG mit den spontanen, begeisternden Schritten der globalen Markenwelt zu verbinden. Und es gibt dafür ein Vorbild: Steve Jobs, der Mann, der es verstand, mit einfachen, flachen Geräten Massen zu begeistern.”
Falsch. Steve Jobs war ein Genie. Genies taugen nicht als Vorbilder.
„Undenkbar, dass das Unternehmen ohne ihn existiert. Am Tag seines Todes schnellte der Aktienkurs nach oben.”
Falsch. Erstens existiert das Unternehmen immer noch. Zweitens schnellte der Aktienkurs nicht nach oben. Welche Drogen werden eigentlich in der HANDELSBLATT-Redaktion konsumiert, um so einen hanebüchenen Nonsens schreiben zu können? Und was sagen Chefredakteur, Verlagsleiter und Verleger zu so einem Hirnriss?
„Manager aber, die in Erinnerung bleiben wollen, brauchen ein Stück jenes Rampensau-Gens, das man positiv ausgedrückt auch Charisma nennt. Und das sich erlernen lässt.”
Falsch. Gene kann man erben, aber nicht erlernen. Trifft auch auf Charisma zu.
„Rund um die vielen kleinen Ich-AGs ist eine Industrie an Ego-Formern entstanden.”
Falsch. Es handelt sich, dem tatsächlichen Bedarf entsprechend, nur um eine überschaubare Zahl von Beratern. Führungskräfte der deutschen Wirtschaft sind nämlich keineswegs so verblödet, wie HANDELSBLATT und Herr Dopheide das anzunehmen scheinen. Für den sinnvollen Gebrauch des Wortes Industrie empfiehlt sich dringend der Blick in ein Nachschlagewerk.
Mit drei Prachtexemplaren dieser „Ego-Former” führte die Redaktion ein „Düsseldorfer Gespräch” und gab Auszüge davon auf einer Doppelseite zum Besten. Besonders der als Marken-Experte vorgestellte Frank Dopheide brillierte dabei mit Gedanken, deren Lektüre mich für Millisekunden an meinem eigenen Geisteszustand zweifeln ließ. Beispiele:
„Der Vorstandschef kann heute kein No-Name-Produkt sein. Er muss sich zum Markenartikel seines Unternehmens machen.”
Um es richtig zu verstehen: Der erfolgreiche Vorstandschef eines Kabelbaumlieferanten internationaler Automobilkonzerne war also bislang gar kein Mensch mit Ruf- und Familiennamen, sondern ein No-Name-Produkt. Was er aber ab heute nicht mehr sein darf, weil er sich zum Markenartikel seines Unternehmens machen muss. Wenn ihm das mit Hilfe von Herrn Dopheide gelänge, wäre er künftig der einzige Markenartikel, den seine Firma im Angebot hätte. Der Produktkatalog, der bisher nur Kabelbäume enthielt, müsste also um eine Seite ergänzt werden, um den ehemaligen Vorstandschef als Markenartikel im Angebot zu führen. Die Einkaufsleiter der Kabelbaumkunden fänden das bestimmt lustig.
„Der schillernde Automanager Wolfgang Reitzle hat der trockenen Marke Linde einen gewissen Reiz verliehen. Linde ist auch für Frauen als Arbeitgeber viel interessanter geworden.”
Unter Frauen scheint es sich ja herumgesprochen zu haben, dass Herr Reitzle eine richtig geile Sau ist. Aber welche von ihnen hat das diskretionslos Herrn Dopheide gesteckt? Das wäre doch mal eine heiße HANDELSBLATT-Geschichte.
„Aber Langeweile ist aus Markensicht ein großer Wert. Sie steht für Solidität. Zu solchen Charakteren passt auch keine bunte Brille.”
Langeweile steht also für Solidität. Im Kopf von Herrn Dopheide scheint die deutsche Sprache ja wilde Orgien zu feiern.
„Schießt der Börsenkurs in die Höhe, wenn ein Manager gefeuert wird, ist das eine klare Aussage über seinen Markenwert.”
Ich dachte immer, es sei eine Aussage über dessen Stellenwert. Aber dank Herrn Dopheide muss nun wohl die Wirtschaftsgeschichte neu geschrieben werden. Aber bitte, bitte, bitte ohne Beteiligung von HANDELSBLATT-Journalisten.
„Als Marke ist er in sich stimmig. Und bisher stimmte Berlusconi offenbar mit dem italienischen Lebensgefühl überein: die Freude an Geld, Frauen und schnellen Autos. In der Euro-Krise aber braucht Italien eine seriöse Marke wie den Professor Mario Monti.”
Als Marke ist Berlusconi also in sich stimmig. Weil er unseriös ist. Deshalb braucht Italien jetzt auch keinen neuen Regierungschef, sondern nur eine neue Marke. Eine seriöse. Mit dem Markennamen Mario Monti. Und im Telefonbuch von Rom hat man zufällig einen Menschen mit diesem Namen gefunden, der zufällig auch noch Professor ist. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte darf also eine Marke die Regierungsgeschäfte eines Industrielandes führen. Toll. Klingt wie eine Geschichte von Berlusconi nach fünfmal Bunga Bunga und zehn Flaschen Cinzano. Irgendwie in sich stimmig.
„Guttenberg hat sich als Marke positioniert, aber dann gegen den eigenen Markenkern verstoßen: Ehrlichkeit. Damit ist er ein für alle Mal verbrannt – egal mit welcher Frisur.”
Ehrlich? Guttenberg ist verbrannt? Und die Frisur hat wirklich keine Rolle gespielt? Was wird denn jetzt aus dem Markenkern? Der muss doch überlebt haben. Geht der nach Guttenberg zurück oder erhebt die CSU Ansprüche darauf? Dumm aber auch, dass Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg am Beginn seiner Karriere keinen Berater wie Herrn Dopheide kennengelernt hatte. Als weitsichtiger Stratege und ausgewiesener Menschenkenner hätte der ihm als Markenkern bestimmt Verlogenheit empfohlen.
Fazit. Zehn Seiten HANDELSBLATT-Journalismus haben mich eines gelehrt: Substanz entscheidet in der Tat. Aber man muss sie woanders suchen als im HANDELSBLATT.




Ah, das müssen die gleichen Leute sein, die immer erzählen die FDP habe ein Problem mit dem "Markenkern", nicht etwa mit der Politik oder dem Personal.
Kommentiert von: Jeff | 30. November 11 um 12:55 Uhr