Die Literaten Hans-Magnus Enzensberger und Tracey K. Smith treffen sich als Teilnehmer der „ROLEX MENTOR & PROTÉGÉ ARTS INITIATIVE” (Bildschirmfoto: rolex.com)
Wenn ich ein paar Jahrzehnte zurückblicke und ehrlich zu mir selbst bin, muss ich zugeben, dass ich geschätzte zwei Stunden zu viel darauf verschwendet habe, einen regelrechten ROLEX-Hass zu kultivieren. Meist richtete er sich gegen Männer, denn ROLEX-tragende Frauen waren für mich ohnehin nur Barbie-Püppchen, die ihr Dasein auf Kosten ROLEX-bestückter Sugardaddies fristen.
Aber woher kam dieser Hass auf alles, was mit ROLEX zu tun hat? Die Uhren selbst fand ich ja schon immer scheußlich. Aber auch nicht scheußlicher als die meisten Uhren anderer Hersteller. Aber Männer, die ROLEX-Uhren trugen, fand ich nicht nur geschmacklos. Sie waren mir geradezu körperlich zuwider. Im Verlauf meiner beruflichen Karriere blieb es mir jedoch nicht erspart, mit solchen Männern persönlich bekannt gemacht zu werden. Nahezu alle haben sie mein Vorurteil bestätigt. Jeder war auf die eine oder andere Art erfolgreich, meistens kommerziell. Auch waren es ausnahmslos gepflegte Erscheinungen mit durchweg akzeptablen Manieren. Sogar gebildet kamen mir einige vor. Selbst der oft festzustellende Testosteron-Überschuss mit den aus dem Tierreich bekannten Folgen störte mich nur in
Eines Tages, es ist noch nicht sehr lange her, wagte ich ein Experiment. Ich stellte mir alle mir persönlich bekannten ROLEX-Träger vor. Nebeneinander aufgereiht wie bei einer polizeilichen Gegenüberstellung – nur ohne ROLEX. Und was sah ich? Dieselben Typen – nur eben ohne ROLEX. So wurde mir bewusst, dass die Ursache meiner Abneigung gegen diese Männer die ROLEX nicht sein konnte. Ohne ROLEX waren diese Leute plötzlich ganz gewöhnliche Konformisten, nette Kerle, mit denen ich freilich nichts zu tun haben wollte. Sie stießen mich nicht mehr ab, aber anziehend fand ich sie auch nicht.
ROLEX allerdings begann mich zu interessieren. Eine ganze Nacht habe ich mich im Internet mit der Firma, deren Geschichte und Gegenwart, deren Produkten und der Marke beschäftigt. Das Ergebnis der Recherche in Kürze: ROLEX ist eine der außergewöhnlichsten Firmen und Marken dieser Welt. Mit qualitativ hervorragenden, eigenständigen Produkten. Mit einer imponierenden Unternehmensverfassung. Mit dem unter allen Aspekten professionellsten Marketing der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Und mit einer generellen unternehmerischen Solidität und Souveränität, deren zeitlose Attitüde einzigartig ist.
Die Faszination, die von diesem Unternehmen, seinem Uhren- und Markenangebot ausgeht, hat deshalb aus gutem Grund eine hohe Strahl-, Anziehungs- und Bindekraft. Widerstehen kann dem Magnetismus dieser Marke wohl nur die Spezies der Habenichtse und Nonkonformisten. Es ist eines der Wunder des Konsumzeitalters, welchen Profit die Schweizer Uhrmacher aus der virulenten Polarisierung zu erzielen wissen, bei der auf der einen Seite Leute stehen, denen allein schon der Gedanke an ROLEX ästhetisches oder gesellschaftspolitisches Unbehagen verursacht. Und auf der anderen Seite Kunden, deren Zahlungskraft und Geltungsbedarf genauso evident ist wie das Statussymbolverlangen der sie imitierenden Sozialaufsteiger. Damit aber geht es ROLEX wie vielen Luxusmarken, deren Geschäftsmodell auf vergleichbaren Phänomenen beruht.
Es handelt sich hier wohl um einen fundamentalen Makel einer freien Marktwirtschaft, den die Gesellschaft – inklusive mir selbst – gelassen und ganz hassfrei ertragen sollte.




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