Luxusproletariat auf den Champs-Élysées (Foto: Rulf Neigenfind)
Jeden Tag derselbe traurige Anblick: Menschen stehen an. In langen Schlangen. Ein Zeichen der Krise? Ist die Versorgungslage im Pariser Westen wieder einmal kritisch geworden? Die Leute warten draußen vor dem Tor, im Regen, im eisigen Wind. Aber worauf warten sie? Ein Pfund Mehl? Ein paar Eier? Etwas Holz & Kohlen? Oder handelt es sich gar um eine Kulturschlange? Sind etwa wieder mal Picassos, Monets oder Matisses zur Show gestellt?
Aber nein! Hier handelt es sich um das oft von weit her angereiste Luxusproletariat, das geduldig ansteht, um bei Abercrombie & Fitch ein- und für den Kauf eines Hoodie oder eines Sweatshirt zugelassen zu werden.
Weiter oben auf den Champs, vor dem Protzpalast von Louis Vuitton, besteht die Schlange aus schwer betuchten, jedoch in bürokratisch gemusterten Nylonanzügen angetanen Chinesen, germanischen Allzweckblondinen, denen man den Düsseldorfer Akzent schon von
Da die Louis-Vuitton-Ware aus plastikverstärktem Leintuch preistreibend rationiert ist, wird man als Zufallspassant immer wieder von Nippons Töchtern mit kichernder Bestimmtheit bedrängt, sich doch in die Schlange zu stellen und ein zweites Handtäschchen für sie zu erstehen. Man kann sich kaum gegen das Bündel Banknoten wehren, das sie einem in die Hand zu drücken versuchen.
Auf der gegenüberliegenden Seite, vor dem neuen Marks & Spencer, ist die Schlange inzwischen derart lang, dass man schneller an und in die legendären „sensible Knickers” von M&S kommt, wenn man den Eurostar nimmt und sie sich in London kauft. Die Pariser Korrespondentin des „Daily Telegraph” machte sich denn auch neulich Sorgen um das M&S-Image. Am falschen Platz, meinte die Dame, denn was habe der typische M&S-Kunde mit dem Proletenzoo („chav Zoo”) gemein, zu dem die Champs geworden seien?
Die Champs-Élysées, im hiesigen journalistischen Sprachgebrauch hartnäckig als „schönste Avenue der Welt” verkannt, ist in der Tat zur Shopping Mall für eine Laufkundschaft verkommen, deren Lebensglück auch ohne jede geschmackliche Komponente vollständig zu sein scheint. Übrigens auch im gastronomischen Sinn, denn das lukullische Angebot wurde nachfragegemäss angepasst und besteht heute aus vielen Schnellgaststätten aller einschlägigen Fastfood-Ketten.
Die aktuelle Pariser Herrenmode – das heisst vornehmlich Trainer, Fussballtrikots und Baskets – findet man im Nike-Shop, im Paris-St-Germain-Shop oder im Adidas-Shop. Sie liegen so nahe beieinander, dass es sich nicht lohnt, die Kreditkarte wegzustecken. Die Damen müssen sich etwas abseits in die Avenue Montaigne begeben, wo sich eine Restmenge der einst führenden Pariser Modeschöpfung hinter astronomischen Preisschildern verschanzt hat.
Bei einem Spaziergang auf den Champs – der im Übrigen vor Freunden und Verwandten tunlichst verheimlicht werden sollte, denn so etwas tut man in besseren Kreisen nicht – kommt beim Anblick der Massen ein mitleidiger Gedanke auf: Was müssen diese Leute an Reise- und Hotelkosten dafür bezahlt haben, um auf den berühmten Champs-Élysées in einer weihnachtlichen Schlange stehen zu dürfen?




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