Einladung des ADC zu einer „feierlichen Veranstaltung mit Galadiner″ (Foto: Bernd Kreutz)
Vor einigen Tagen erhielt ich eine edel aufgemachte Einladung zu einer „ADC Night of Honour″ im Museum für Kommunikation in Berlin. Absender: Art Directors Club für Deutschland e.V. Anlass dieser Veranstaltung: die Ehrung herausragender Persönlichkeiten im Namen dieses Clubs. Wozu auch die Ernennung eines Ehrenmitglieds gehört.
Dieses Jahr will der ADC den „Grafikdesigner″ Stefan Sagmeister zum Ehrenmitglied küren. Auf dem erbetenen Antwortfax des Einladungsschreibens ließ ich das Kästchen „Leider kann ich nicht teilnehmen″ ankreuzen. Aus Höflichkeit habe ich darauf verzichtet „Leider″ streichen zu lassen. Denn diese Einladung hat mir wieder einmal nur zu deutlich gemacht, wie herabgewirtschaftet und bedeutungslos dieser ADC doch geworden ist. Schon allein die Vorstellung, dessen Ehrenmitgliedschaft auch nur angetragen zu bekommen, müsste einem peinlich sein. Wie ahnungslos, selbstrufmörderisch oder eitel muss jemand sein, der diese zweifelhafte Ehre auch noch anzunehmen bereit ist!
Man muss die Geschichte des ADC kennen, um zu verstehen, warum ich mir überhaupt die Mühe mache, hierzu noch Worte zu verlieren.
Der Einfachheit halber zitiere ich aus dem erstem Jahrbuch des ADC: „Am 3. April 1964 wurde – durch die Initiative von Gunter Ott, Art Director bei Troost – der Art Directors Club für Deutschland gegründet ... Am 30. April, in der ersten Clubsitzung im Düsseldorfer Malkasten, wurde das wichtigste Clubziel fixiert: Einmal im Jahr wird der Art Directors Club gute werbliche und redaktionelle Publikationen auswählen und als Beispiele veröffentlichen. Gesichtspunkt der Auslese ist die überzeugende Idee und deren überzeugende Realisierung. Die veröffentlichten Beispiele sollen Maßstab und Anregung sein ... Der Verwirklichung dieses Ziels soll ein ‚Art Directors Annual’ dienen ... Die Grundzüge der Teilnahmeordnung für die ADC Ausschreibung 1964 wurden festgelegt, die Jury wurde bestimmt: Willy Fleckhaus, Gunter Ott, Winfried Schachten, Jürgen Scholz, Vilim Vasata, Harald Winter, Reinhart Wolf ... Inzwischen hat der Club 27 Mitglieder.″
Nicht nur diese sieben Jurymitglieder, alle 27 Mitglieder waren für mich schon als Berufsschüler leuchtende Vorbilder. Sie waren die Elite der deutschen Werbung. Jedes dieser Mitglieder hatte an Arbeiten mitgewirkt, die nicht nur Relevanz besaßen und Märkte bewegten, nein, nicht selten berührten die Arbeiten dieser Macher die ganze Nation. Wie viele der heutigen Mitglieder des ADC – dessen Vorstandsmitglieder eingeschlossen – können das von sich und ihren Hervorbringungen behaupten?
Der Verein zählt heute sage und schreibe 607 Mitglieder. 338 (in Worten: dreihundertachtunddreißig) davon sind Jurymitglieder, die in einer Vielzahl von mehr oder weniger bedeutenden Kommunikationsdisziplinen einmal im Jahr darüber abstimmen, was nach ihrer Meinung auszeichnenswert ist. In den knapp 50 Jahren seines Bestehen hat sich die Zahl der Jurymitglieder also um fast das Fünfzigfache erhöht. Ohne dass die Zahl herausragender Werbekampagnen in diesem Zeitraum auch nur im Geringsten zugenommen hätte. Ist das nicht vollkommen irre?
Die Explosion der Mitgliederzahl hat hauptsächlich der ehemalige ADC-Präsident Sebastian Turner auf dem Gewissen. Mit jedem neugewonnenen Mitglied wurde der ADC mittelmäßiger, seine einst von der Elite des Berufsstands getragene professionelle Substanz dauerhaft verwässert. Turner darf zudem das zweifelhafte Verdienst in Anspruch nehmen, mit dem Begriff „Kreativität″ derart Schindluder getrieben zu haben, dass ihn heute auch das talentfreieste ADC-Mitglied für sich in Anspruch nehmen darf, ohne rot zu werden. Dass Turner sich derzeit um das Amt des Oberbürgermeisters in meiner Heimatstadt Stuttgart bewirbt, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Die Gründer des ADC mussten jedenfalls nicht über Kreativität reden (siehe oben), sie waren kreativ. Heute schwadronieren alle über Kreativität, aber wer ist es noch?
Das erste ADC-Ehrenmitglied, Hubert Troost, war ein Pionier der deutschen Werbung, der zum wirtschaftlichen Erfolg seiner Kunden mindestens so viel beitrug wie zur Bereicherung unserer Alltagskultur. Das jetzige ist ein in den USA lebender Gebrauchsgrafiker aus Österreich, der sich hauptsächlich mit der Gestaltung von Schallplattenhüllen und anderen Druckwerken einen Namen gemacht hat. Bekannt ist er vor allem „Junior-Artdirektoren″, die unter „Kreativität″ verstehen, den ganzen Tag lang Annuals durchzublättern, aus denen sie bei Bedarf strafverfolgungsfrei Ideen klauen können. Zur Verbesserung der Werbung in Deutschland hat dieser Mann freilich nichts beigetragen. Und auch sein qualitätsfördernder Einfluss auf die deutsche Gebrauchsgrafik ist, wenn überhaupt, nur unter einem Rasterelektronenmikroskop festzustellen.
Dieser Stefan Sagmeister hatte einfach nur das Pech, auf einem Wer-soll-denn-diesmal-Ehrenmitglied-werden-Fragebogen einer ADC-Volksbefragung am häufigsten angekreuzt worden zu sein. Auf diesen Fragebogen war er ebenso zufällig geraten wie die anderen Namen auf dieser Liste. Offenbar fiel den ADC-Mitgliedern aus der deutschen Werbung oder gar aus ihren eigenen Reihen niemand mehr ein, der es wert gewesen wäre, zu ihrem Ehrenmitglied ernannt zu werden. Oder kann es vielleicht sein, dass einige Angefragte dankend abgelehnt haben? In der „ADC Night of Honour″ wird bestimmt jemand die passenden Worte dazu finden, ADC-Mitglieder sind ja sooo kreativ.
Die Umstände der Wahl Stefan Sagmeisters erinnerten mich an einen Witz, den dessen österreichischer Landsmann Walter Lürzer gerne erzählte: „Frage: Wie kriegt man das Hirn eines Art Directors auf Erbsengröße? Antwort: Indem man es aufbläst.″
Das hat Lürzer allerdings nicht daran gehindert, ebenfalls die deutsche ADC-Ehrenmitgliedschaft anzunehmen. Wenn das Deutsche Werbe-Reich in Not ist, kann man sich eben auf sie verlassen, auf die Österreicher.




@Jochen Rädeker: "zum Beispiel Google-Suche: 'Bernd Kreutz': 27.000 Ergebnisse. 'Stefan Sagmeister': 531.000 Ergebnisse".
Das ist exakt die beim ADC seit langem gepflegte Eine-Million-Fliegen-müssen-Recht-haben-Denke, die unter anderem dazu geführt hat, dass heute 338 Jury-Mitglieder nötig sind, um herauszubekommen, was gute Arbeit ist.
Kommentiert von: Hubert Troost | 14. Februar 12 um 09:58 Uhr
Also lieber Bernd Kreutz, auch mit der besten Wertschätzung für die Verdienste früherer ADC Gründer und Mitglieder – das klingt doch irgendwie ein bisschen bitter …
Es waren von Anfang an doch eigentlich nicht ausschließlich hehre Ziele, die den ADC bewegt haben, oder? Und Sagmeister und Henneka sind für Ehrenmitglieder allemal eine gute Wahl und auch eine, die man als solches annehmen darf.
Herzliche Grüße,
Ute Vogt
Kommentiert von: Ute Vogt | 14. Februar 12 um 00:47 Uhr
Lieber Bernd Kreutz,
herzlichen Dank für Ihre Antwort auf meine Einladung.
Es spricht von wahrer Größe, einen Anlass, zu dessen Absage man "ankreuzen lässt", dann doch mit knapp 6.000 Zeichen öffentlicher Häme zu würdigen (oder auch hier: zu lassen?).
Von wahrer Kenntnis der aktuellen Größen spricht es, zwar die 60er-Jahre-Veteranen der Werbung als leuchtende Vorbilder zu rühmen, die die Nation berührten, auf der Suche nach Stefan Sagmeisters Einfluss auf die Gebrauchsgrafik aber ein Mikroskop bemühen zu wollen. Einfacher wäre es da, den Fokus der Suche nicht auf die Nation, sondern etwas weiter gefasst auszurichten und festzustellen, dass es da doch tatsächlich Menschen gibt, die es geschafft haben, über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus andere Menschen zu berühren. Das herauszufinden, geht heutzutage über neumodischen Kram wie das Internet ganz einfach (zum Beispiel Google-Suche: "Bernd Kreutz": 27.000 Ergebnisse. "Stefan Sagmeister": 531.000 Ergebnisse). Gewiss, "der ADC wurde mit jedem neugewonnenen Mitglied mittelmäßiger". Es ist wohl wahr, dass Volontäre wie Giovanni di Lorenzo und Jan Weiler oder Junior-ADs wie Marcello Serpa und Hobbybastler wie Hartmut Esslinger geeignet sind, das Ansehen des heutigen ADC schwer in Verruf zu bringen. Zumal sie, pfui aber auch, nicht alle in der Werbung arbeiten.
Von wahrer menschlicher Größe indes spricht es, die verbalen Dreckkübel nicht nur über dem Club (der ist es seit Jahrzehnten gewohnt, schließlich liegt das Image der Beschäftigten der Werbebranche im aktuellen FAZ-Branchenindex direkt hinter dem der Müllabfuhr), sondern auch über den zu Ehrenden auszukippen, zu denen zumindest einer gehört, der den eigenen Weg über Jahrzehnte mitbegleitet und möglicherweise auch für die Einladung gesorgt hat, falls den Clubverantwortlichen die wahren, dem Anlass im Publikum den wahren Glanz verleihenden Werbe-VIPs aufgrund fortgesetzten Kompetenz-gegen-Masse-Austausches entfallen wären.
Chapeau, lieber Herr Kreutz: Die wahren Größen gehören natürlich, so wissen wir nun endlich mit Gewissheit, nicht in den ADC, sondern in den Reklamehimmel. Und können da an der Tür stehen und die ganzen ADC-Mitglieder zur Hölle schicken.
Aus selbiger grüßt wärmend nach oben in die gute alte Zeit
Ihr
Jochen Rädeker
Präsidiumssprecher des Art Directors Club
Kommentiert von: Jochen Rädeker | 13. Februar 12 um 20:33 Uhr
lieber kreutz,
nix gegen ihre sicht von aussen. im jahre 2000, an ihrem fünzigsten, "versprachen" sie mir, dem adc beizutreten. selbst wenn sie danach wieder ausgetreten wären, hätten wir heute auch eine innensicht von ihnen. schade.
bestgruß, ihr dh
Kommentiert von: Dietmar Henneka | 13. Februar 12 um 16:27 Uhr