24. Dezember 07

Ich bin dann mal weg

Liebe Reklamehimmel-Leser,

mit diesen Zeilen, „gepostet” am Morgen des Heiligen Abend 2007, werde ich mein 2x100 Tage Blog-Experiment abschließen. Zu meiner eigenen Überraschung hat der Reklamehimmel inzwischen viele Freunde gewonnen. Über 5.000 Interessenten haben sich alleine an meinem Download-Test beteiligt (siehe hier), mehr als 12.000 mal wurde bis heute das Video angeschaut, das dokumentiert, wie der Daimler-Manager Dr. Olaf Göttgens Firmenvermögen vernichtet (siehe hier). Mit das Erstaunlichste aber an meinem Blog-Selbstversuch ist die Erkenntnis, dass die übertariflich bezahlten Kollegen in klassischen Werbeagenturen überwiegend digitale Analphabeten zu sein scheinen. Ich kann in digitaler Hinsicht nun wenigstens bis drei zählen. Dafür möchte ich mich bei allen bedanken, die zu diesem Lernfortschritt beigetragen haben – sei es als Leser, Kommentatoren oder Informanten. Ihnen allen wünsche ich eine gesegnetes Weihnachtsfest und ein glückliches Neues Jahr.

PS: Reklamehimmel bleibt online, solange Interesse besteht. Zur Artikel-Recherche einfach ein Stichwort in die Suchmaske eingeben.

23. Dezember 07

Top 5: Die fünf meistbeachteten Reklamehimmel-Beiträge

1. Daimler-Manager Dr. Olaf Göttgens zerstört einen Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer (hier)
2. Gratis-Download „Also ich glaube, Strom ist gelb” (hier)
3. Text-Kritik für Anfänger – heute mit Dr. Olaf Göttgens (hier)
4. Dr. Klaus Maier und Dr. Olaf Göttgens – die neuen Superstars am schwäbischen Markenmanagement-Sternenhimmel (hier)
5. Muss Werbung kreativ sein? (hier)

20. Dezember 07

Weihnachten im Reklamehimmel: „Der Matrosenanzug – Kulturgeschichte eines Markenartikels” als Gratis-Download

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Das Buch zum versuchten Comeback von Bleyle, Deutschlands erster international bekannter Textilmarke

Bleyle war Deutschlands erste textile Weltmarke. 1889 von Wilhelm Bleyle gegründet, hat das Unternehmen zwar zwei Weltkriege und mehrere Wirtschaftskrisen überlebt, jedoch nicht die zahlreichen Streitereien unter seinen noch zahlreicheren Erben und deren kollektives Versagen. Kurz vor dem 100jährigen Firmen- und Markenjubiläum stand das Unternehmen vor dem vollständigen Aus und wurde in letzter Sekunde von dem Textilunternehmer Achim Waltz übernommen. Ich durfte Zeuge dieser Rettungsaktion werden und habe in dieser Zeit mehr über Menschen und Management erfahren, als ich eigentlich wollte.

Der Versuch, Bleyle zu einem Comeback zu verhelfen, scheiterte schließlich am unglücklichen Zusammenwirken vieler Faktoren, nicht zuletzt jedoch daran, dass auch die Aktiengesellschaft des neuen Eigentümers ins Straucheln geriet und schließlich liquidiert werden musste. Dennoch: Die Marke Bleyle lebt. Real Brands Never Die.

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18. Dezember 07

Dumm und dreist – die Werbung des Energiekonzerns EnBW

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Innerer Schweinehund – von der Getränkemarke Gatorade (oben links) dreist geklaute Yello Strom-Werbung (oben rechts) und Deutschlands dümmste Testimonial-Werbung. Angeblich beide von Deutschlands kreativster Werbeagentur Jung von Matt, was aber wenig wahrscheinlich ist angesichts der Dummdreistigkeit dieser Werbung

Dass ein monopolgeprägter Energieversorger sich schwer tut, für seinen Marketingbereich fähiges Personal zu finden, ist verständlich. Verständlich ist auch, wenn er in Ermangelung fähiger Leute unfähige einstellt. Irgendjemand muss die Arbeit ja delegieren, wenn schon keiner im Haus ist, der sie selbst erledigen kann. Das Problem: solche Leute sind von Natur aus kaum in der Lage, gute Werbung von schlechter, intelligente von plumper, vielversprechende von nichtssagender, notwendige von überflüssiger, selbstgemachte von geklauter, lohnende von bloß kostenverursachender Werbung zu unterscheiden. Da nützt es auch wenig, wenn Unternehmensberatungsmultis und Marktforschungsschwadrone gegen pharaonische Honorare mit ihrem Zahlenmaterial zur Hilfe eilen. Für die Beurteilung von derlei Zahlen braucht man nämlich in etwa dieselben Fähigkeiten wie für die Beurteilung von Werbung.

11. Dezember 07

Helden des Marketing 2007: Prof. Dr. Utz Claassen und Dr. h. c. Detlef Schmidt

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Professor Dr. Utz Claassen durfte als Vorstandsvorsitzender der Energie Baden-Württemberg AG vorzeitig seinen Hut nehmen, Dr. h. c. Detlef Schmidt ist offiziell noch bis Juni 2008 geduldet, sein Porträt von der Website aber schon entfernt

Das Jahr 2007 wird in die noch junge Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland als das Jahr eingehen, in dem die Mehrzahl privater Stromverbraucher, verärgert durch stetig steigende Strompreise, endlich verstanden hat, dass sie ohne Probleme den Stromlieferanten wechseln kann. Was sie in größerem Umfang dann auch taten. Branchengerüchten zufolge haben die diesjährigen Helden des Marketing tatsächlich das äußerst seltene Kunststück fertiggebracht, in einem dermaßen günstigen Marktumfeld mit ihrem Kölner Tochterunternehmen Yello Strom GmbH erstmals Marktanteile zu verlieren.

Der Reklamehimmel gratuliert zu dieser außergewöhnlichen Marketingleistung. Irgendwie verständlich, dass der Aufsichtsrat der EnBW mit diesen Herrschaften nicht mehr zusammenarbeiten möchte.

Hier weiterlesen: http://www.udo-leuschner.de/kurzschluss/232-238.htm

„Der nächste Irre” – so verspottete der Kabarettist Urban Priol den Ex-EnBW-Chef Professor Dr. Utz Claassen. Ausschnitt aus der ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt”

07. Dezember 07

Weltbester Werbefilm 2007 – Martin Scorsese dreht Hitchcock-Film für Freixenet

Sage und schreibe 10 Minuten großartige Werbung, konzipiert und produziert von JWT Spain

Mehr dazu hier.

06. Dezember 07

Die Farbe Magenta und das Verhältnis von Macht und Recht

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Die Deutsche Telekom macht die Mofs* in den Niederlanden wieder mal sehr unbeliebt (*niederl. Schimpfwort für die Deutschen), Bildschirmfoto Internetseite

In den Niederlanden ist man auf T-Mobile und die Deutsche Telekom derzeit nicht gut zu sprechen. Es geht um deren Reklamierung der Farbe Magenta als eingetragene und gesetzlich geschützte Farbmarke. Es geht aber auch um die Art und Weise, wie die dort ohnehin nicht gerade innig geliebten Deutschen versuchen, ihr Recht brachial durchzusetzen. Erste Netzinitiativen haben sich gebildet, um Bürgern ein Forum zu geben, ihren Frust darüber loszuwerden. Siehe hier oder hier. Oder über Google Search „Reclaim Magenta” und „Free Magenta”.

Ich kann die Empörung der Niederländer sehr gut nachvollziehen. Vor sechs Jahren nämlich versuchte die staatsbeherrschte Deutsche Telekom, mir in derselben Sache ihre Rechtsauffassung aufzuzwingen. Dabei war ich nicht nur ihren Rüpelmethoden und dem teilweise sehr schlechten Benehmen der sie vertretenden Anwälte ausgesetzt. Ich durfte auch mit unserem Rechtsstaat Erfahrungen machen, die meine rechtsempfindlichen Stellen gelegentlich ziemlich unangenehm getroffen haben. Manchmal habe ich mich sogar gefragt, ob wir womöglich schon in einer Vorstufe dessen leben, was der Volksmund gemeinhin eine Bananenrepublik nennt.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Im Sommer 2001 nahm ich mir mit ein paar Gleichgesinnten vor, mit den Möglichkeiten des Internet die verschnarchte Buchverlagsbranche ein bisschen aufzumischen. Heraus kam „My favourite book”, ein Internetmarktplatz für Autoren. Publik machten wir das Angebot durch großflächige Textanzeigen in einigen Tageszeitungen und Zeitschriften. Eine der Anzeigen hatte die Schlagzeile „Autoren aller Länder: Vereinigt euch.”, gedruckt in schwarzen Lettern auf einem magentafarbigen Grund. Magenta deshalb, weil es eine der vier Grundfarben des Farbdrucks ist und wir den saftigen Aufpreis für eine Sonderfarbe nicht tragen wollten. Siehe hier.

Doch dann flatterte plötzlich ein Anwaltsschreiben ins Haus, in welchem wir barsch aufgefordert wurden, unverzüglich und schriftlich zu erklären, dass wir ein für allemal auf die Verwendung der Farbe Magenta verzichten werden. Da mussten wir erst mal herzlich lachen. Wir dachten, hier müsse es sich wohl um ein Scherzlein handeln. Wie sich jedoch schnell herausstellen sollte, war es keines. Wahrscheinlich werden Sie sich jetzt – wie wir damals – fragen, wieso die riesige Deutsche Telekom sich von einer Dreimann-Einfrau-Neugründung bedroht sieht, von einem Mini-Buchverlag, der tausend Lichtjahre entfernt von deren Kern- und sonstigen Geschäftsfeldern entfernt zu wirken gedachte.

Vielleicht sollten wir an dieser Stelle eine Pause einlegen, damit Sie sich noch ein Glas Whisk(e)y einschenken können, bevor Sie sich dem Irrsinn aussetzen, der jetzt kommt.

Laut Anwaltsschreiben sah die Deutsche Telekom ihre Markenrechte an der von ihr eingetragenen Farbmarke Magenta nicht bloss einfach sondern gleich doppelt verletzt. Zum einen böte „My favourite book” Dienstleistungen über das Internet an und benutze dafür – SKANDAL!!! – auch noch das Leitungsnetz der Deutschen Telekom. Und für alles, was mit Internet zu tun hat, so argumentierten die Telekom-Advokaten, dürfe diese Farbe ausschliesslich von der Telekom verwendet werden. Zum anderen produzierten und verkauften wir Bücher, die auf Papier mit garantierten 500 Jahren Haltbarkeit gedruckt würden, womit wir nach Ansicht der Telekom-Anwälte ganz unzweifelhaft ein direkter Wettbewerber ihrer Mandanten seien. Denn – jetzt kommt's! – als Herausgeber des Telefonbuchs beanspruche die Telekom die Farbe Magenta auch für den Bereich des Verlegens von Büchern.

Um eine gerichtliche Auseinandersetzung zu vermeiden, rief ich den Leiter der Telekom-Konzernkommunikation an. Ich bat ihn, doch bitte auf die Herren Anwälte einzuwirken, damit sie diesen Fall ad acta legen, da wir uns nicht einschüchtern lassen und notfalls durch alle Instanzen wehren würden. Natürlich konnte ich mir den Hinweis nicht verkneifen, ein offen ausgetragener Rechtsstreit sei zwar publizistisch durchaus in unserem Interesse, vermutlich aber nicht in dem der Telekom. (Darüber hinaus verbat ich mir – als Erfinder des „gelben Stroms” – jegliche Belehrung seitens der ungezogenen Oberbeflissenen von Rechtsanwälten über die Schutzfähigkeit von Farbmarken.)

Zwei Dinge hatte ich dabei falsch eingeschätzt. Das unbedeutendere: der Einfluss meines Gesprächspartners auf andere Konzernabteilungen – ich hatte ihn vollkommen überschätzt. Wichtiger aber: das Drohpotential meiner Anspielung auf die möglicherweise unschöne Publicity eines solchen Rechtsstreits für die Telekom – es beeindruckte den Mann offenbar kaum. Warum? Als Kommunikationschef konnte er natürlich darauf bauen, dass der subtile Einfluss der immensen Werbegelder des Unternehmens auf die verlegerische und journalistische Unabhängigkeit auch diese Angelegenheit im rechten Sinne regeln würde. Und außerdem hatte es dieser Mann, der ja vor allem für die Verbreitung positiver Telekom-Propaganda besoldet wird, doch tatsächlich fertiggebracht, so bedeutende und selbstverständlich vollkommen unabhängige Journalisten wie Stefan Aust, den Chefredakteur des SPIEGEL, oder Helmut Markwort, den Chefredakteur von FOCUS, davon zu überzeugen, als gut dotierte Mitglieder einem „publizistischen Beirat” des Konzerns anzugehören. (Dieser Beirat ist inzwischen aufgelöst, dafür aber saß kurzfristig der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom AG – doch das nur nebenbei.)

Nun blieb mir also nichts anderes übrig, als als Mann das zu tun, was ich als Mann zu tun hatte. Zunächst habe ich mich solange dumm gestellt, bis die Frist vorüber war, innerhalb der die Telekom eine einstweilige Verfügung hätte erlassen können. Danach gab ich eine pinkfarbene Presseinformation heraus. Dann mandatierte ich eine der bedeutendsten Anwaltskanzleien Deutschlands mit der Vertretung unserer Interessen. Dass diese Kanzlei unseren Fall überhaupt übernommen hat, rechne ich ihr bis heute hoch an, denn niemand verscherzt es sich gerne mit einem potenziellen Auftraggeber von solcher Bedeutung. Und schliesslich informierte ich die Deutsche Telekom, dass wir eine gerichtliche Auseinandersetzung zwar nicht gerade herbeiwünschen, sie aber auch nicht scheuen.

Ein Pressesprecher der Telekom lässt daraufhin verlauten, dass demnächst eine Einstweilige Verfügung gegen uns erlassen würde. Der Mann war ganz verwundert, als ich ihn darüber aufklärte, dass so etwas in unserem Rechtsstaat von einem unabhängigen Gericht und nicht etwa von einem Sprecher der Telekom entschieden wird. Und dass die Frist hierfür ohnehin schon abgelaufen sei.

In den Internetmedien hat unsere Pressearbeit sehr gut funktioniert – aber nur hier und nicht in den traditionellen Medien (vermutlich aus den oben genannten Gründen). Eine einzige Meldung bei heise.de trieb uns 10.000 Besucher auf die Website. An einem Tag. Die Mobilisierung der Internetgemeinde war gross und die Foren voll von empörten Postings, genau wie jetzt in Holland. Das brachte uns auf den Einfall, aus diesen Reaktionen ruckzuck ein kleines Büchlein zu machen – eine ideale Möglichkeit, unsere verlegerische Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen (wer will, kann es am Ende des Artikels gratis downloaden).

Dann kam die Klage. Verhandlung vor dem Landgericht Düsseldorf. Und wer kriegt von den Richtern eine vor den Latz? Für uns keine Überraschung – die Telekom. Die jedoch kann sich eine Niederlage nicht leisten und geht in Berufung. Inzwischen macht der Fall unter Juristen die Runde. Und jetzt beginnt das traurige Kapitel. Am besten, Sie holen sich vorher noch einen Whisk(e)y.

Wir bekommen plötzlich Dutzende von Anrufen. Von Geschäftsführern, Marketingleitern, Rechtsanwälten aus ganz Deutschland. Folgendes stellt sich dabei heraus: In unzähligen Verfahren geht die immer noch im Mehrheitsbesitz der Bundesrepublik Deutschland befindliche Telekom gegen deutsche und ausländische Firmen der unterschiedlichsten Branchen vor. Dabei werden die betroffenen Unternehmen ultimativ und unter Klageandrohung aufgefordert, die Verwendung der Farbe Magenta zu unterlassen. In einigen Fällen geht es auch um die nach Meinung der Telekom unrechtmässige Verwendung des Großbuchstabens T im Firmennamen. Viele fühlen sich massiv bedroht, fast alle geben schliesslich klein bei, und einige müssen sogar um ihre Existenz bangen. Der Prominenteste unter den damaligen Einknickern: der durch seine schrägen TV-Spots bekannt gewordene Elektronikhändler Red Zac mit dem magentafarbenen Hundekopf als Markenzeichen. Der Autovermieter Erich Sixt ist an einer Klage vermutlich nur deshalb vorbeigeschrammt, weil der letzte Buchstabe seines Firmennamens in weiser Voraussicht klein geschrieben wurde.

Nächste Instanz: Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Jetzt sitzt die Deutsche Telekom AG in ihrer ganzen Herrlichkeit da, wo wir sie gerne haben wollten: in der selbstgebastelten Falle. Da wir jeglichen Vergleich rundweg ablehnen, muss das Gericht ein Urteil fällen. Vor der Festsetzung des Termins für die Urteilsverkündung deutet der vorsitzende Richter jedoch an, dass die Angelegenheit möglicherweise zu Ungunsten der Telekom ausfallen werde. Was nun, Deutsche Telekom? Das Unternehmen macht, was es in solchen Fällen immer gemacht hat: Am Tag vor dem Gerichtstermin zieht sie den magentafarbenen Schwanz ein und die Klage zurück. Weshalb das? Weil die Deutsche Telekommandantur vor nichts mehr Schiss hat als vor einem oberinstanzlichen, Präzedenz schaffenden Urteil, in dem ihnen der exklusive Magenta-Besitz rechtsgültig abgesprochen wird.

Und jetzt kommt – dritter Whisk(e)y – der Skandal. Da die Urteilsverkündung wegen des Klagerückzugs der Telekom ausfällt, kann das Gericht auch keine Kostenentscheidung verkünden. Sowohl Kläger als auch Beklagte bleiben also auf ihren jeweiligen Kosten sitzen. Statt als (potenziell) obsiegende Partei von der (potenziell) verurteilten Partei entschädigt zu werden, müssen wir unsere Kosten selber tragen. Das Vergnügen, von der Deutschen Telekom zwar verklagt, gleichzeitig aber von derselben Deutschen Telekom durch einen prozeduralen Winkelzug daran gehindert zu werden, unser Recht zu bekommen, hat uns die Kleinigkeit von 58.241,28 Euro (in Worten: achtundfünfzigtausendzweihunderteinundvierzig) gekostet, Zeitaufwand nicht mitgerechnet. Aber wie sagte schon die Werbe-Legende Bill Bernbach so treffend? Eine Haltung, die nichts kostet, ist keine.

Den Börsenverein des Deutschen Buchhandels haben wir übrigens aufgefordert, gegen den Telekom-Anspruch auf die Farbe Magenta bei Büchern vorzugehen. Hat aber dort niemand interessiert. Wahrscheinlich weil die Herren Verleger es unter ihrer Würde betrachten, für die Freiheit einer der Grundfarben des Vierfarbdrucks zu streiten.

Aber was wollte ich eigentlich sagen? Rechtsempfinden, Gerechtigkeit, Rechtsstaat, Rechtswesen, Demokratie, Anstand, Sitte, Moral, Manieren, Zivilcourage, Unbestechlichkeit – alles schöne Worte, teilweise sogar sehr schöne Worte. Kann man aber alle vergessen. Denn die Moral dieser Geschichte heißt: Macht hat, wer das nötige Kleingeld hat. Und – noch schlimmer – Recht bekommt nur, wer das nötige Finanzpolster hat, es zu erstreiten.

PS: Trotz dieser bitteren Erfahrung muss ich zum Schluss doch noch folgendes feststellen: Dass die Deutsche Telekom die Farbe Magenta als ihr Eigentum betrachtet, kann man ihr nicht zum Vorwurf machen. Denn der Gesetzgeber in Berlin oder Brüssel hat die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen, dass so etwas Hirnrissiges möglich ist. Man kann ihr nicht einmal vorwerfen, die zivilisierte Welt mit ihren unzivilen Klagen zu überziehen. Denn derselbe Gesetzgeber hat dekretiert, dass die Rechtsinhaber jeden ihnen bekannt werdenden Verstoß gegen die Markenrechte zwangsweise gerichtlich verfolgen müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, ihren Rechtsanspruch zu verlieren. Dennoch braucht man sich deshalb noch lange nicht so zu benehmen, wie es die Deutsche Telekom in vielen Magenta-Fällen getan hat und noch tut.

PPS: Falls sich jetzt jemand fragt, warum ich neulich ein Geschäft mit der Deutschen Telekom abgeschlossen habe: Weil ich sonst nicht an mein iPhone gekommen wäre.

So. Und jetzt noch ein Whisk(e)y.

Gratis Download hier.

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05. Dezember 07

Männer, es gibt ein neues Auto-Magazin

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Lehrreiches Blickverfolgungsexperiment aus der Erstausgabe des deutschen Automagazins ramp: manchmal sind Autos attraktiver als Frauen, häufig ist es umgekehrt, beide können aber auch weniger anziehend sein als eine Dose mit leckeren Keksen

Frauen, seid souverän. Für 15 Euro habt ihr noch keine leuchtenderen Männeraugen gesehen. Legt es ihm einfach hübsch verpackt unter den Weihnachtsbaum. Und schaut eurem Bubi beim Auspacken wissend und gütig lächelnd zu. Und schweigt. ramp, das Magazin für automobile Kultur.

04. Dezember 07

Sandra Maischberger und der Terror der ökologischen und politischen Korrektheit

Sandra Maischberger und ihr ökorrektes Baby

Offener Brief an Sandra Maischberger

Sehr geehrte Frau Maischberger,

mit der Zeugung und Geburt zweier Kinder, einer weitgehend makellosen beruflichen Karriere, der pflichtbewussten Abgabe von Stimmzetteln bei Gemeinderats-, Kreistags-, Landtags- und Bundestagswahlen (unter Berücksichtigung fast aller politischen Parteien) sowie der lebenslangen Weigerung, Steuern zu hinterziehen, habe ich – abgesehen von einigen Nachlässigkeiten bei der Mülltrennung – gedacht, meinen Pflichten als Staatsbürger und Mensch ordnungsgemäß nachgekommen zu sein. Möglicherweise nicht in allen Belangen vorbildlich, gewiss aber hinreichend.

Nun haben Sie mich in einem Video darüber aufgeklärt, dass ich mich schon als junger Vater wie ein Schwein benommen habe. Ja, ich gebe zu, Windeln bei den Ihnen verhassten US-Imperialisten gekauft und meine Kinder damit gewickelt zu haben. Und zwar nicht irgendwelche US-imperialistischen Windeln, sondern die Ihrer Meinung nach ökologisch höchst bedenklichen Windeln der auch im Fernsehsender Ihres Arbeitgebers beworbenen Marke Pampers, ein Produkt des in Ihren Kreisen vermutlich ohnehin als obskur geltenden Konsumgüter-Multis Procter & Gamble.

Es wird Sie vielleicht überraschen, dass ich mich weigere, dafür um Entschuldigung zu bitten, auch wenn das nicht den Regeln und Ritualen der von Ihnen und einigen Ihrer Kollegen in den deutschen Medien etablierten Entschuldigungskultur entspricht. Ich werde mich in dieser Sache der unendlichen Güte einer Instanz anvertrauen, die mächtiger ist als hiesige Journalisten und Fernsehmoderatoren – für wie bedeutend und unverzichtbar für das Wohl der Volksgemeinschaft sie auch immer sich halten mögen.

Mit knappem Gruß
Bernd Kreutz

27. November 07

Heil Hugo! BOSS droht

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Freiheit der Kunst oder Verletzung von Markenrechten?

Für ein neues Buch über Marken, an dem ich zur Zeit arbeite und das im Frühjahr erscheinen wird, wollte ich das Thema vertikale Markenexpansion am Beispiel der Mode- und Lifestyle-Marke HUGO BOSS erläutern. Obwohl in Stuttgart geboren und gar nicht weit von Metzingen entfernt aufgewachsen, glaubte ich mich bestens über die Geschichte des Unternehmens informiert, konnte ich doch quasi direkt vor Ort mitverfolgen, wie die Brüder Jochen und Uwe Holy seit Beginn der 1970er Jahre aus dem Erbe ihres Großvaters einen global tätigen Modekonzern formten. Bei der für mein Vorhaben zentralen Frage jedoch, auf welchem herausragenden Produkt dieser Großvater mit dem international selbsterklärenden Namen seinen ursprünglichen Unternehmenserfolg gründete, musste ich leider erkennen, dass mein Wissen über Boss der Vertiefung bedurfte.

Erste Überraschung: keinerlei Auskunft auf der Website zu finden.

Zweite Überraschung: die Presseabteilung weigert sich, eine mündliche Auskunft zu geben — dabei geht es doch nur um ein einziges Wort, nämlich den Begriff für das Produkt, auf dem Hugo Boss seinen geschäftlichen Erfolg aufbaute.

Dritte Überraschung: statt der zugesagten Antwort auf meine Frage erhalte ich eine E-Mail mit der Bitte, meinerseits schriftlich Auskunft zu geben über den Inhalt meines Buches, welche Unternehmen darin vorgestellt werden, über angestrebte Auflage, Zielgruppe, Distribution etc..

Vierte Überraschung: als ich die Presseabteilung darüber informiere, dass ich mich inzwischen anderweitig kundig gemacht und zu meinem Entsetzen zur Kenntnis habe nehmen müssen, dass Hugo Boss sein Geld mit der Massenproduktion von Nazi-Uniformen und mit Hilfe von Zwangsarbeitern verdient hat, erhalte ich eine weitere E-Mail. Diesmal vom Head of Corporate Communication & Art Sponsorship persönlich, mit dem freundlichen Hinweis, die Hugo Boss AG behalte sich „im Falle einer Publikation fehlerhafter Angaben” rechtliche Schritte gegen mich vor. Kein Wort zur Nazi-Vergangenheit von Hugo Boss und seinem Schwiegersohn Eugen Holy.

23. November 07

Der unwiderstehliche Charme selbstgemachter Werbung, Teil 2


Der superbe Thomas D. von Die Fantastischen Vier gibt per Video ein Video in Auftrag

Im Teil 1 dieser kleinen Artikelserie habe ich zwei Unternehmer vorgestellt, zu deren Erfolgsrezept auch selbstgemachte Werbung gehört. Eine Stufe weiter gehen nun die Musikunternehmer Michael Beck, Thomas Dürr, Michael B. Schmidt und Andreas Rieke, die ebenfalls schon immer ihre Werbung selbst produzierten. Sie haben vor kurzem ihr Publikum dazu aufgerufen, ein Video zu ihrem neuen Song „Ichisichisichisich” zu drehen und zu einem Wettbewerb einzureichen. Resultat: 300 Clips innerhalb von 3 Wochen. Der Sieger dieses Musikvideo-Wettbewerbs, der Schweizer Sascha Kämpf (pixelbar.ch) durfte gnädige 44.444 Euro in Empfang nehmen, das ist in etwa soviel wie eine 5 mit Zusatzzahl im Deutschen Lottoblock. Seine Arbeit und die einiger anderer Einsender ist ab sofort hier zu sehen: http://fanta4.myvideo.de

22. November 07

Bitte sagen Sie jetzt nichts!

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Nicht zu beneiden: Mitarbeiter des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Telekom AG

Das Wichtigste kommt bei der Deutschen Telekom AG immer zum Schluss:

„Diese Pressemitteilung enthält zukunftsbezogene Aussagen, welche die gegenwärtigen Ansichten des Managements der Deutschen Telekom hinsichtlich zukünftiger Ereignisse widerspiegeln. Sie sind im Allgemeinen durch die Wörter „erwarten”, „davon ausgehen”, „annehmen”, „beabsichtigen”, „einschätzen”, „anstreben”, „zum Ziel setzen”, „planen”, „werden”, „erstreben”, „Ausblick” und vergleichbare Ausdrücke gekennzeichnet und beinhalten im Allgemeinen Informationen, die sich auf Erwartungen oder Ziele für Umsatzerlöse, bereinigtes EBITDA oder andere Maßstäbe für die Performance beziehen. Zukunftsbezogene Aussagen basieren auf derzeit gültigen Plänen, Einschätzungen und Erwartungen. Daher sollten Sie sie mit Vorsicht betrachten. Solche Aussagen unterliegen Risiken und Unsicherheitsfaktoren, von denen die meisten schwierig einzuschätzen sind und die im Allgemeinen außerhalb der Kontrolle der Deutschen Telekom liegen. Dazu gehören u. a. auch die Faktoren, die in den Abschnitten „Forward-Looking Statements” und „Risk Factors” des von der Deutschen Telekom auf Form 20-F bei der U.S. Securities and Exchange Commission eingereichten Berichte beschrieben sind. Zu den relevanten Faktoren zählen auch die Auswirkungen bedeutender strategischer und operativer Initiativen, einschließlich des Erwerbs oder der Veräußerung von Gesellschaften von Unternehmenszusammenschlüssen sowie Initiativen zur Kosteneinsparung, die die Kosten- und Erlösentwicklung wesentlich beeinträchtigen können. Sollten diese oder andere Risiken und Unsicherheitsfaktoren eintreten oder sollten sich die den Aussagen zu Grunde liegenden Annahmen als unrichtig herausstellen, so können die tatsächlichen Ergebnisse der Deutschen Telekom wesentlich von denjenigen abweichen, die in diesen Aussagen ausgedrückt oder impliziert werden. Die Deutsche Telekom kann keine Garantie dafür geben, dass die Erwartungen oder Ziele erreicht werden. Die Deutsche Telekom lehnt jede Verantwortung für eine Aktualisierung der zukunftsbezogenen Aussagen durch Berücksichtigung neuer Informationen oder zukünftiger Ereignisse oder anderer Dinge ab.”

Danke für die Hinweise. Hätten wir echt nicht bedacht.

21. November 07

Utopia existiert

Utopia

Möchte man wirklich wissen, was hinter diesen Mauern vor sich geht?

Utopia. Ich habe es letzte Woche mit eigenen Augen gesehen. In den Niederlanden, in Noordwijk, auf Meeresspiegelhöhe. Hat sich Thomas Morus das wirklich so vorgestellt? Oder ist das einfach nur das Haus eines mir unbekannten holländischen Schriftentwerfers? Bitte um Auskünfte. Sonst bringt mich das wieder um die eine oder andere Nachtruhe.

20. November 07

Der genetische Code der Marke Apple

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Form follows Ulm

Der auf jahrzehntelanger, stetiger Produktinnovation basierende Erfolg der Apple Inc. hat in jüngster Zeit einige betagtere deutsche „Markenexperten” dazu verleitet, die Gründe dafür den FAZ- bis ABSATZWIRTSCHAFT-Lesern mit selbstgebasteltem und dann von ahnungslosen Journalisten unredigiertem Markentheorie-Bombast verklickern zu wollen — worüber Apple-Kenner natürlich schallend gelacht haben.

Besonders köstlich fand ich, dass diese Leute, deren ästhetisches Urteilsvermögen offenkundig von Marktforschungsreisen durch deutsche Supermärkte geprägt wurde, dass diese Leute den Apple-Erfolg auch noch glaubten, mit der inhaltsbefreiten Worthülse „Design” in Zusammenhang bringen zu müssen. Das ist ungefähr so, als ob man den Erfolg eines Romans auf die Verwendung von Buchstaben zurückführen und dies dann als Entdeckung feiern würde.

Vermutlich haben diese Pseudotheoretiker noch nicht einmal was von der Ulmer Hochschule für Gestaltung gehört, auf deren Maximen schon der Erfolg der Firma Braun beruhte (siehe Abbildung oben rechts) und deren reine Lehre heute Apple in die Praxis umsetzt. Bevor einer über „Design” und den „genetischen Code der Marke Apple” schwafelt, sollte er wenigstens wissen, wo dieser Code zu finden ist: Am Hochsträß 8 in Ulm an der Donau.

Siehe auch hier.

19. November 07

Ich gestehe! Teil 2

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iPhone-Photo, Paris, Hôtel de Crillon, Zimmer Nr.140, 4.47 Uhr

Ja. Ich gebe zu, ich war dort. Am Freitag, 16. November 2007. Im Hôtel de Crillon an der Place de la Concorde zu Paris. Anläßlich der ParisPhoto im Carrousel du Louvre. Das Hotel gehörte bis vor kurzem der Champagner-Dynastie Taittinger, weshalb das Champagnertrinken in diesem Hotel etwas so Selbstverständliches ist, dass man gerne vergisst, dass man es eigentlich gar nicht verträgt. Mir reicht schon der Genuss eines einzigen Glases, um die Nachtruhe erheblich zu verkürzen.

Prompt kam es denn auch so, wie es kommen musste: gegen 4 Uhr morgens war ich hellwach. Machte aber nichts, denn ich hatte ja zum Glück mein iPhone dabei. Also: ruckzuck ins gebührenfreie Hotel-WLAN eingeloggt und schon konnte ich drauflos spielen. Habe natürlich auch im Reklamehimmel vorbeigeschaut und verblüfft festgestellt, dass eine Menge Leute zu Besuch waren, um meine Beichte zu lesen, viele davon durch einen Verweis im fontblog. Beim Lesen eines Kommentars passierte es dann. Mir wurde urplötzlich klar, dass ich mir beim Öffnen der Verpackung meines iPhone und der anschließenden Inbetriebnahme zwar des historischen Moments bewusst war, dass ich ihn dennoch aber irgendwie vergeigt hatte. Ich hätte diesen Moment mit mehr Feierlichkeit und Würde ausstatten und erleben sollen. Auch hatte ich es versäumt, dies auf dem ersten der vielen iPhone-Photos, die ich noch machen werde, für die Nachwelt zu dokumentieren. Das brachte mich auf eine Idee. Ich kritzelte diese auf einen Notizzettel und schlief dann wieder ein.

Und das ist sie, die Idee: Jeder, der ein iPhone kauft, soll ein iPhone-Photo machen, mit dem er/sie die ganz persönliche Einweihungszeremonie für sich, seine Kinder und Kindeskinder festhält. Okay, es gibt natürlich Situationen im Leben, die gefühlsschwangerer sind. Aber für etwas, was man kaufen kann, hat es das iPhone in sich — schon alleine das Auspacken ist eine Sensation. Ich schwöre es. Statt es wie in meiner Beichte, Teil 1, zu verdummbeuteln, hätte ich mir mindestens ein Fläschchen Champagner gönnen sollen — es hätte ja nicht unbedingt einer  von Taittinger sein müssen. Auch hätte ich wenigstens eine Duftkerze von Annick Goutal anzünden, die neue CD mit den alten Songs von Led Zeppelin einschieben und zur Sicherheit vielleicht auch eine Schokolade bereitlegen sollen, damit ich den staunenden Mund notfalls wieder zukriege. Dann, ja dann erst hätte ich mit meinem Superbrotmesser von Güde zur Tat schreiten dürfen.

Für mich ist dieser Zug nun leider abgefahren. Aber alle, die nach mir ein iPhone kaufen und in Gebrauch nehmen, sollten daraus für sich ein ganz persönliches, ganz spezielles Ereignis schaffen. Und mir oder dem fontblog anschließend ein iPhone-Photo mailen oder im eigenen Blog veröffentlichen und es mich wissen lassen. Wenn so bis zum 31. Dezember 2007 eintausend Bilder zusammenkommen, werden der Herr Siebert vom fontblog und ich der Deutschen Telekom höchstpersönlich etwas aus den Rippen schneiden, was hoffentlich allen Teilnehmern noch mal eine kleine Freude machen wird. Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: auf jedem Bild muss natürlich eine iPhone-Verpackung zu sehen sein und es darf keinen Ärger geben, wenn die Bilder veröffentlicht werden (von wegen Persönlichkeitsrechten und so). Los geht’s! Weitersagen und weitermailen.

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iPhone-Photo der Utensilien einer iPhone-Einweihungszeremonie, die leider nicht stattgefunden hat

13. November 07

Advertising is Good For You

Guinness hat mal wieder einen Werbefilm drehen lassen, der eine ganze Nation erfreut

Im meinem vorletzten Artikel habe ich etwas zum Thema „Production Value” bei Werbefilmen gesagt. Als ob ich es geahnt hätte, liefert uns jetzt der irische Bierbrauer Guinness ein Paradebeispiel, wie eine uralte und schon hundertfach genutzte Werbeidee vergnüglich variiert und von Könnern mit Hilfe von hundert Kilo englischen Pfund Sterling dramaturgisch gekonnt in Szene gesetzt werden kann. Hätte ohne Kohle garantiert nicht funktioniert. Mehr dazu hier.

09. November 07

Der unwiderstehliche Charme selbstgemachter Werbung

Blendtec-Chef Tom Dickson schreddert ein iPhone

Willi Pfannenschwarz ist Kult. Jeder, der im deutschen Südwesten lebt, hat schon mal einen seiner legendären, selbsterdachten und –produzierten Funkspots auf SWR3 gehört. Je öfter er mit schwäbischem Akzent und begleitet von Gitarre oder Hammond-Orgel sein unvergleichliches „Seitenbacher-Müsli – lecker, lecker, lecker” anpreist, desto weniger ist man geneigt, zu einem der vielen Konkurrenzprodukte zu greifen, die mit standardisierten Marketingmethoden zwar professionell korrekt angeboten werden, plötzlich aber irgendwie unzeitgemäß und kalt wirken. Seelenlose industrielle Massenware eben.

Die Seitenbacher Naturkost GmbH wurde 1980 von Willi Pfannenschwarz in Waldenbuch gegründet und nach einem nahen Bach, dem Seitenbach, benannt. Heute beschäftigt das Unternehmen schon über 120 Mitarbeiter. Neuerdings werden ebenso extrem leckere TV-Spots produziert, mit einem sehr spezifischen „Production Value“ – mit diesem Begriff erklären professionelle Werbefilm-Produzenten ihren Kunden, warum teure Filme besser sind. Der handgestrickte Internetauftritt von Seitenbacher tut ein Übriges, dass man diese Firma einfach lieben muss. Unbedingt Spots anhören und anschauen. Hier.

Vermutlich hat Pfannenschwarz aus der Not gehandelt, sich keine Werbeprofis leisten zu können, oder aus der Überzeugung heraus, dass die auch nur mit Wasser kochen. Vielleicht hat er auch instinktiv und aus eigener Konsumentenerfahrung erkannt, dass Authentizität ein schwer zu imitierender Wettbewerbsvorteil sein kann.

Einen ähnlichen Kultstatus wie Pfannenschwarz hierzulande hat in den USA Tom Dickson. Er ist Chef und Gründer von Blendtec, einem Hersteller äußerst wirkungsvoller Qualitätsmixer und anderer Küchenprodukte. Dickson geht allerdings einen Schritt weiter als Pfannenschwarz. Er verzichtet komplett auf traditionelle Medien und setzt stattdessen konsequent auf das Internet als Kommunikations- und Vertriebskanal. Mit seinen schrägen Produktdemos, bei denen er alle möglichen Produkte schreddert, hat er die Online-Verkaufszahlen angeblich schon um 650 Prozent in die Höhe getrieben. In einem Jahr. Mit praktisch null Kosten. Auf der Blendtec Homepage kann man sich das in Ruhe anschauen. Hier.

Bei aller Verschiedenheit haben diese Beispiele doch eines gemeinsam. Es mag zwar banal klingen, dennoch ist es eine ewige Wahrheit: wer als Unternehmer ein sehr gutes Produkt anbietet, auf das er zu Recht stolz sein kann, wer sein Publikum wirklich mag und sich selbst nicht allzu ernst nimmt, der verfügt über eine Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft, die ein Konzernabteilungsleiter auch mit viel Geld und mit Hilfe sehr guter Dienstleister nur schwer übertreffen kann.

08. November 07

Darf einer wie Bernd M. Michael einen wie Steve Jobs beleidigen?

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Bernd M. Michael, stets elegantest gewandeter Inhaber eines Büros für „Marken-Architektur” vor einem seiner superchicen Powerpoint-Charts — auf einer Konferenz der Hamburger SinnerSchrader AG

Steve Jobs, der charismatische Chef von Apple, neuerdings von Medien und Anhängerschaft auch als iGod verehrt, kann zwei Sorten von Menschen nicht ausstehen: Leute mit schlechtem Geschmack und Schwätzer. Wenn er von Journalisten auf Äußerungen angesprochen wird, die diese Art von Menschen öffentlich über ihn abgesondert haben, lautet seine süffisante Antwort neuerdings so: „Ich mag ihn sehr, aber er ist wirklich Old School”.

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG kam neulich auch so einer zu Wort, in einem Artikel mit der für Apple-Kenner schon inhaltlich bizarren Wichtigtuer-Schlagzeile „Ein genetischer Code — Konzentration auf die Monomarke Apple zahlt sich aus”. Zitat: „Der jüngste Schritt der Marke Apple zum iPhone sei abermals mutig, zeige er doch auf, wie weit eine Dachmarke tragen könne. Er dokumentiere eine bahnbrechend neue Vorgehensweise, die die jahrzehntelang geltende Regel für Markenführung neu justierte, hat ein anderer, Bernd M. Michael, Inhaber des BMM Büro für Marken-Architektur, in einem Aufsatz geschrieben. Bisher hieß die Kernfrage aller Markentechniker immer: Wie weit kann und darf man eine Marke spreizen, ohne dass sie ihre Kernkompetenz verwässert oder sogar gefährdet?”

Wow! Dachmarke! Bahnbrechend! Markentechnik! Spreizung, Verwässerung, Gefährdung! Kernkompetenz! Mutig!

Bernd M. Michael, der Wortakrobat dieser Zeilen, ist der kürzlich in den Ruhestand geschickte Ex-Chef der Deutschlandzentrale der Werbeagenturgruppe GREY, was auf Deutsch „grau” bedeutet. Gemeint ist in diesem Fall aber nicht ein flirrendes Leuchtgrau, ein subtil elegantes Greige oder dieses leicht ins Kardinalrot tendierende Schwergrau, das einem nach der vierten Flasche Grauburgunder in den Kopf steigt, nein, gemeint ist im Fall der Werbeagentur GREY das klassische Mausgrau. Und zwar das Fahlgrau einer toten Maus. Heerscharen von Kreativen meiner Generation machten sich über diese Werbeagentur GREY und deren stets erlesen geschmacklos gekleideten, in seinen Kreisen durchaus angesehenen Chef lustig. Nicht, weil er, der Mann mit den vielen Fleißkärtchen, es tatsächlich schaffte, aus einem kleinen einen großen Laden zu machen, sondern weil er dabei das nahezu unnachahmliche Kunststück fertig brachte, hunderte, wenn nicht tausende von Auszeichnungen für effiziente Werbung zu ergattern, ohne auch nur einen einzigen kreativen Zufallstreffer zu landen, mit dem die Agentur sich hätte bei internationalen Kreativwettbewerben dauerhaft profilieren können. Wer je zu Michaels Zeiten in Düsseldorfs hässlicher Corneliusstraße vom Gehweg aus einen Blick in die Büros von GREY wagte, kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Kreativer mit einer Restmenge von Stil es in dieser Legebatterie für Werbebeamte hätte länger als fünf Minuten aushalten können.

Schwerwiegend ist auch das von Herrn Michael während seiner Zeit bei GRAU herausgegebene eintausendachthundert Seiten starke „Werkbuch M wie Marke“. Wer es nicht wie ich von vorne bis hinten gelesen hat, würde nicht glauben, dass man darin keinen einzigen — ich wiederhole: keinen einzigen — originären oder gar originellen Gedanken findet.

Wenn ein geschmacklich dermaßen kontaminierter Bürobetreiber für „Marken-Architektur” es wagt, in solch unverschämt ahnungsloser und dabei gönnerhaft wertender Weise öffentlich die Worte Apple und Steve Jobs in den Mund zu nehmen, grenzt das an iGotteslästerung. Vielleicht sollte der Mann mit seinem Büro für „Marken-Architektur” mal einen Statiker beauftragen, der sein Theoriegebäude auf Einsturzgefahr überprüft. Und wenn die FAZ dergleichen druckt, kann das nur mit der alten Berufs-Definition entschuldigt werden, wonach Journalisten Menschen sind, die nur selten über Dinge schreiben dürfen, von denen sie etwas verstehen.

07. November 07

Propagandamittel der Staatsidee

Kranwetvogel

Kultische Verehrung eines Staatsgründers: Werner Kranwetvogel dokumentiert in einer sensationellen Fotostrecke A NIGHT IN PYONGYANG

Mich erstaunt immer wieder, dass man es in Politik und Wirtschaft – und damit auch in Medien, Marketing und Werbung - zu Führungspositionen bringen kann, ohne wenigstens Propagandamittel der Staatsidee von Hans Domizlaff oder aber Masse und Macht von Elias Canetti gelesen zu haben. Zugegeben, beide Bücher sind schon etwas älteren Datums, was aber ihre Bedeutung nicht schmälert und ausschließlich damit zusammenhängt, dass seitdem niemand mehr etwas auch nur annähernd so Substanzielles zu diesen Themen zu sagen gehabt hätte.

Es ist natürlich sehr anstrengend, Bücher mit so vielen Buchstaben zu verdauen, wenn man den lieben langen Arbeitstag auf Powerpoint-Präsentationen starren musste. Man kann es dem Spiel- und Werbefilmregisseur Werner Kranwetvogel deshalb nicht hoch genug anrechnen, dass er uns mit seinem fulminanten Bildband über die Massenspiele der Demokratischen Volksrepublik Korea die Gelegenheit gibt, etwas sehr Aktuelles über Propagandamittel der Staatsidee und das Verhältnis von Masse und Macht zu erfahren, ohne dabei auch nur ein einziges Wort lesen zu müssen.

Großartig. Kaufen. Weitersagen. Zur Website geht es hier.

17. Oktober 07

„Old school: ZDF graphics designed by Otl Aicher”

Aicheroldschool

Das Comeback von Ulm

Wer derzeit in der deutschen Werbung arbeitet muss sehr alt sein, um schon mal was von der von Otl Aicher mitgegründeten Ulmer Hochschule für Gestaltung gehört zu haben. Und noch älter, um das von Walter Gropius initiierte Bauhaus nicht für eine Baumarktkette zu halten. Dabei ist der weltweite Einfluss dieser beiden von gewählten deutschen Politikern dichtgemachten Avantgarde-Institutionen bis heute unverkennbar, jedenfalls außerhalb Deutschlands. Besonders die in Ulm gepredigte Gestaltungsdoktrin erfährt zurzeit in Form von Apple eine reinrassige Reinkarnation. Aber auch an anderen Stellen taucht der Geist von Ulm plötzlich wieder auf, zum Beispiel in Form der amerikanischen Brand New School, einer Film- und Videoproduktion, von deren Website dieser Screenshot stammt. Wer kennt noch mehr Beispiele?

16. Oktober 07

EILMELDUNG! Maggie Thatcher not amused – Firma ihrer Ex-Wahlkampfstrategen gestaltet Logo der deutschen Grünen

Labourgruen

Vom englischen Klassenkampf zum deutschen Grünen-Logo: der lange Marsch der Gebrüder Saatchi

Am Freitag, dem 1. Dezember 2006, lehnte die Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Nürnberg einen Vorschlag der Parteispitze für ein neues Parteilogo ab (siehe erster Reklamehimmel-Artikel). Und zwar nicht, weil dieses Logo aussah wie die Bastelarbeit eines Spastikers - was ja bei den grünen Menschenfreunden noch akzeptabel gewesen wäre - nein, Ablehnungsgrund war die politische Brisanz dieses Entwurfs, der vorsah, „Bündnis 90” deutlich kleiner zu schreiben als „Die Grünen” und dadurch den ostdeutschen Parteiteil für alle sichtbar zu marginalisieren.

Nun wurde unter dem Vorsitz der grünen Obernaiven Claudia Roth eine Kommission gebildet mit dem Ziel, Alternativen zu der verworfenen Logo-Missgeburt zu erarbeiten. Unter den tausenden von Werbe- und Designagenturen und -büros, die für diese Handwerksarbeit in Frage gekommen wären, hat man sich – man will ja partout seine politische Naivität bewahren – ausgerechnet das Berliner Büro der ehemaligen Kommunikations-Pitbulls der britischen Konservativen unter Margaret Thatcher (der „Eisernen Lady”) ausgesucht. M&C Saatchi heißt die Agentur. M&C steht für Maurice und Charles, die Gründer des Ende der 80er-Jahre weltweit grössten Werbedienstleistungs-Konglomerats Saatchi & Saatchi. Die beiden waren in einem spektakulären Aktionärsaufstand aus der Firma gedrängt worden, hatten sich dann mit M&C Saatchi erneut erfolgreich selbständig gemacht und sind inzwischen wieder an der Börse notiert. Charles Saatchi stieg nebenbei zum weltweit erfolgreichsten und einflussreichsten Sammler von Gegenwartskunst auf. Maurice, sein älterer Bruder, wurde für seine Verdienste um den Machtgewinn und -erhalt der britischen Konservativen von der Queen auf Vorschlag des Premierministers John Major zum Lord ernannt und war mehrere Jahre Co-Parteichef der Torys.

Und nun also ein geldwerter Auftrag von den deutschen Grünen für die Berliner Dependance der Brüder aus Bagdad. Suppi, Claudia, hast du wieder toll gemacht. Dafür lieben wir dich. Mehr dazu hier.

09. Oktober 07

Neu: DAIMLER und FAZ – Schwäbisches Biedermeier in Untertürkheim, hessischer Angstschweiß in Frankfurt

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DAIMLER und FAZ: Große Koalition der Mittelmäßigkeit

„Der Souverän hat gesprochen.” Unter dieser Überschrift hat Werner d’Inka, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 5. Oktober 2007 ein neues Layout seines Blattes vorgestellt und wie folgt begründet: „Ausführliche Befragungen ergaben, dass mehr als dreiviertel unserer Leser die neue Gestaltung gutheißen.” Gratulation, Herr Herausgeber, das ist ja toll, dass Sie sich jetzt am Mehrheitsvotum der Leser orientieren – als es um Ihre publizistische Unterstützung des militärischen Eingreifens im Irak ging, waren dieselben Leser für Sie noch Volltrottel, die die Weltlage nicht begriffen hatten. Ihnen muss ja der Angstschweiß der Untergangspanik auf der Stirn gestanden haben, als Sie die Entscheidung trafen, das Aussehen Ihres Blattes dem „Mehrheitswillen” der derzeitigen Leserschaft zu unterwerfen. Sowas macht schließlich niemand freiwillig. Sah die FAZ bisher staatstragend und meinungsführend aus, kommt sie nun so bedeutungslos daher wie ein hessisches Regionalblatt – was sie in ihrer auflagen- und verbreitungsmäßigen Wirklichkeit auch schon immer war. Glaubte nur bisher keiner.

„Neustart als Daimler AG.” Unter dieser Überschrift berichtete die FAZ am selben Tag über eine Außerordentliche Hauptversammlung der Daimler Chrysler AG, bei der entschieden wurde, Chrysler zu verkaufen und künftig als Daimler AG zu firmieren. In diesem Fall war der Souverän nicht der Leser, sondern der Anteilseigner. Über das visuelle Erscheinungsbild der künftigen Daimler AG allerdings brauchten die Aktionäre nicht abzustimmen, dazu ist das Thema nicht bedeutend genug. Das durften Vorstand und Aufsichtsrat alleine entscheiden. Nachdem die aber in den zurückliegenden Jahren mit ihren Grundsatzentscheidungen ziemlich häufig daneben lagen, jedenfalls in den Augen ihres Souveräns, wurde diese Aufgabe an Spezialisten von außen delegiert. In Form einer Wettbewerbspräsentation. Sicher ist sicher. Jetzt bloß nichts falsch machen, wir haben uns ja schon einmal von einem persönlichen Freund eines Vorstandsvorsitzenden aus Versehen in die Schinkel-Ära zurückbomben lassen. Das hat man davon, wenn man einem Menschen blind vertraut und keine Alternativen sieht. Und außerdem, woher sollen wir wissen was wir wollen, bevor wir nicht sehen, was wir sollen? Erbeten waren also jede Menge „kreative Ideen” und „kreative Entwürfe”, so jedenfalls plauderte es der Wettbewerbssieger aus. Jetzt wissen wir endlich, was der Vorstand der heutigen Daimler AG und seine Erfüllungsgehilfen für „kreativ” halten. Die Unternehmenskampagne zur Vorstellung des neuen Konzerngebildes geriet auch sehr „kreativ”. Daimler ist wieder in Untertürkheim angekommen. Grüßgottle.

siehe auch hier

04. Oktober 07

„Mit dem Namen stimmt was nicht”

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Namen suchen ist nicht schwer, Namen finden auch nicht sehr - das Alphabet hat ja schließlich nur 26 Buchstaben

„Mit dem Namen stimmt was nicht.” Mit diesem Satz wurde der Produkt-, Marken- und Firmennamensucher und –finder Manfred Gotta (Gotta Brands) in einer Zeitung zitiert. Seine Wertung bezog sich auf Arcandor, den neuen Namen einer Holdinggesellschaft der Unternehmen Thomas Cook, Karstadt und Quelle. Der Kunstname, den seine Konkurrenten von der Agentur Nomen vorgeschlagen hatten, sei „zusammengewürfelt” und „wenig ernsthaft”, so sein vernichtendes Urteil.

Mit grosser Spannung wurde deshalb der Name erwartet, den er im Auftrag der Ruhrkohle AG für deren Neuorientierung und den damit zusammenhängenden Börsengang in petto hatte. Deren Vorstandsvorsitzender, ein ehemaliger Assistent des legendären Veba-Chefs Rudolf Christian von Bennigsen-Foerder, der Ex-Bundeswirtschaftsminister Dr. Werner Müller, hatte schon monatelang ein unglaubliches mediales Tamtam um den zwischenzeitlich Newco genannten künftigen Namen gemacht, der das Konglomerat aus Firmen der Spezialchemie, des Kraftwerksbaus und der Immobilienwirtschaft sprachlich kennzeichnen sollte.

Jetzt ist er endlich raus: Evonik. Eine ganz gewöhnliche, harm- und seelenlose Spezialistenheimarbeit. Klingt sehr nach Spezialchemie, Kraftwerksbau, Stromerzeugung aus Braunkohle und Wohnraum für 150000 Menschen. Wie sagte schon meine Großmutter? Hochmut kommt vor dem Durchfall.

Was war eigentlich gestern?

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Google-Sonderlogo zum 3. Oktober

Gestern war mitten in der Woche ein Feiertag. Viele Menschen wissen inzwischen gar nicht mehr, wieso eigentlich. Gerhard Schröder, unser ehemaliger Bundeskanzler, wollte diesen Feiertag abschaffen. Aber nicht, um damit Helmut Kohl zu ärgern, der den Feiertag eingeführt hatte, sondern um damit die Staatsverschuldung zu senken. Hans Eichel, sein Finanzminister, hatte ihm nämlich vorgerechnet, wie teuer das ist, wenn 80 Millionen Deutsche einen Tag von Staats wegen faulenzen müssen und nichtmal einkaufen gehen können, weil ja die Verkäuferinnen und Verkäufer auch faulenzen müssen. Deshalb ist es aller Ehren wert, dass uns die guten Menschen von der Firma Google aus dem kalifornischen Mountain View mit einer Deutschland-Flagge auf ihrem Logo daran erinnert haben, dass gestern ein Feiertag war, an dem wir uns, inzwischen zum 17. Mal, dankbar an den Tag der Deutschen Einheit erinnern sollten. Gerhard Schröder und weite Teile seiner Partei, der SPD, waren übrigens gegen die Wiedervereinigung. Das sollten wir an so einem Tag auch nicht vergessen.

02. Oktober 07

Bekennendes Marketingversagen

Wasa

Esamusawasasein

Neue Besen kehren gut. Sagt der Volksmund. Aber wissen die neuen Besen auch, wo der Dreck liegt? Bei neuen Besen in den Marketingabteilungen deutscher Unternehmen darf das oft genug bezweifelt werden. Vor allem, wenn sie von Neuankömmlingen im Management heimgesucht werden, deren Erfolgsdruck in erster Linie davon bestimmt wird, schnellstmöglich Karriere und Einkommen zu optimieren. Entscheidend sind hierfür bekanntermaßen nicht kurzfristig erzielbare und nachhaltige Erfolgsbeiträge im Markt, es reicht gegenüber Vorstandskollegen und Aufsichtsräten, Geschäftsführungsvorsitzenden oder Beiräten zunächst völlig aus, unmittelbar vorzeigbare Veränderungen vorzunehmen. Besonders beliebt sind zu diesem Zweck die Vergabe von Marktstudien an international renommierte Consultingunternehmen, natürlich mit Auftragserweiterungspotenzial in Form von Strategieentwicklungen und dergleichen mehr. Effizienter und dabei unkomplizierter ist es freilich, sich von vornherein auf Nebensächliches und Oberflächliches zu konzentrieren. Besonders geeignet: Änderungen von Firmen- und Markenzeichen, Werbekampagnen mit Prominenten, Packungsänderungen etc.

Letzteres ist das, was mir im Super- und Drogeriemarkt besondere Freude bereitet. Fast im Wochenrythmus werden Neubesetzungen im Marketingmanagement von Unternehmen in Form von Packungsdesignänderungen bekanntgegeben. Produktverbesserungen sind damit nur in Ausnahmefällen verbunden, ganz zu schweigen natürlich von Produktinnovationen. Das einzige was meist erkennbar ist, ist das verzweifelte Bemühen der handelnden Personen, Professionalität vorzutäuschen.

Bei der Aufstockung meines Knäckebrotvorrats bin ich packungsdesignänderungstechnisch und marketingpersonaltaktisch gesehen ausnahmsweise mal richtig verblüfft worden - und zwar positiv. Die Firma Wasa hat offensichtlich seit kurzem auch ein neues Marketingmanagement, wie üblich zu bestaunen an einem völlig überflüssigen neuen Packungsdesign. Aber Wasa verarscht seine Kunden nicht damit, dass es ihm Produktveränderungen, und seien sie noch so winzig, vorgaukelt. Ganz im Gegenteil, es beruhigt seine Konsumenten, indem es direkt und unzweideutig draufschreibt, dass sich zwar das Packungsdesign geändert habe, sonst aber nichts. Außer natürlich, dass Wasa einen neuen Marketingmanager hat, vielleicht sogar in Person einer umgeschulten Hausfrau. Das hat Stil. Das hat Klasse. Das belohne ich an der Supermarktkasse.

01. Oktober 07

Werbung am und für den Mann

Koeln_schaufenster

Zur Nachahmung nicht empfohlen in Hyderabad oder Esfahan

Die Idee ist zwar so alt wie die Erfindung des Schaufensters, trotzdem ist es schön zu sehen, dass sie immer noch funktioniert. Jedenfalls in einer katholisch geprägten Stadt wie Köln. Gesehen bei MEC Fashion und Underwear auf der Ehrenstraße.

28. September 07

Apropos „kognitive Dissonanz”

Pharmapack

Schaufensterplakat für das Rowohlt-Buch „Kranke Geschäfte” von Markus Grill

Im Gegensatz zu den pubertierenden Jungs von PricewaterhouseCoopers (siehe vorheriger Artikel) haben die Buchwerber von Rowohlt kapiert, wie man sich sowas zunutze macht.

25. September 07

Deutscher Journalismus schwer „beschädigt”

Dieweltcruise

Ausschnitt aus der Tageszeitung DIE WELT vom 24. September 2007

Noch gut kann ich mich an den Nachmittag erinnern, an dem ich beim Rückwärtseinparken meines Sports Utility Vehicles dessen Stoßstange beschädigt habe. Beim Aussteigen fiel damals mein Mobiltelefon zu Boden, wodurch unglücklicherweise das Display stark beschädigt wurde. Und beim Öffnen des Regenschirms befürchtete ich schon, der Aufspannmechanismus sei beschädigt, so wie der klemmte.

Haben Sie auch schon mitgekriegt, dass das Verb beschädigen seit geraumer Zeit im deutschen Journalismus nur noch in völlig anderen Zusammenhängen benutzt wird? Gerade gestern las ich, Tom Cruise habe nun doch im Berliner Bendlerblock drehen dürfen. Nach einem Gespräch zwischen Drehbuchautor und Bundesverteidigungsminister sei sichergestellt gewesen, dass die Würde des Ortes nicht beschädigt werde. Wohlgemerkt: die Würde - nicht etwa ein Fenster oder eine Wand. Wenige Wochen zuvor noch war die Anfrage einer Filmproduktion für eine Drehgenehmigung abschlägig beschieden worden. Erregte deutsche Journalisten hatten Öffentlichkeit und Politiker gerade noch rechtzeitig vor der drohenden Katastrophe gewarnt, das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland könne beschädigt werden, wenn man diese nationale Gedenkstätte für die profane Spielfilmproduktion eines Hollywoodstudios zur Verfügung stelle. Natürlich haben sich viele unserer Betroffenheits- und Besorgtheitsjournalisten auch an einer Hatz auf Tom Cruise beteiligt, weil der ja als bekennender Scientologe noch posthum die Ehre von Claus Schenk Graf von Stauffenberg beschädigen könne, wenn er als Hauptdarsteller in besagtem Film die Rolle des Hitlerattentäters übernähme. Aber nicht nur das, auch das Gedenken an den deutschen Widerstand während der Nazizeit insgesamt würde durch dieses Vorhaben vermutlich beschädigt werden, war vielerorts zu lesen.

Glaubt man unseren Starschreibern und Stimmungskanonen, wird im Moment auch das Amt des Bundesinnenministers beschädigt, und zwar sehr, sehr schwer. Wolfgang Schäuble, der derzeitige Amtsinhaber, soll angeblich einen Atombombenangriff von Osama bin Laden vorausgesagt haben. Und zwar in der Fußgängerzone eines deutschen Provinzstädtchens, womöglich in Rheda-Wiedenbrück. Da klingt es irgendwie fast anrührend harmlos, dass der Schweizer Josef Ackermann als Chef der Deutschen Bank schon vor Jahren bloß den guten Ruf des Finanzplatzes Deutschland beschädigt hat. Er war während eines Gerichtstermins in Düsseldorf von einem Fotografen dabei erwischt worden, wie er kurz davor stand, zwei Finger in seine Nasenlöcher zu stecken. Der DAX ist übrigens seitdem um über 200 Prozent gestiegen. Er war offensichtlich der Einzige, der von dieser Beschädigung nichts mitbekommen hat.

Man müsste mal über das Wort Dachschaden nachdenken.

21. September 07

Scheiß-Qualität bei Apple MacBooks

Apple

Herr Ive, hier stimmt was nicht

Zu Weihnachten für die ganze Familie gekauft, leiden jetzt schon zwei MacBooks an Materialverschleiß. Nur vom Handauflegen. Jobs, schämen Sie sich.

20. September 07

Schweizer Typografie steht Kopf

Swisstypo

Züricher Traditionshaus „Hotel zum Storchen”

Die „Schweizer Typografie” war während meiner Lehrzeit als Schriftsetzer das, was es gestalterisch nachzuahmen galt, wenn man auf der Höhe der Zeit sein wollte. Das einzigartige daran: Der Schweizer Gestalter brauchte für sein ganzes Berufsleben nur zwei Schriftfamilien, die Akzidenz-Grotesk und die Helvetica.

Unsere deutschen Setzkästen quollen zu der Zeit noch über von Serifenschriften. Die schwerste von allen war die fette Volta. Ein paar Zeilen von deren 48 Punkt-Grad vom Winkelhaken ins Satzschiff gehievt, da wusste man am Abend, dass man geschuftet hatte. Meinem Oberarm-Umfang kann man das noch heute ansehen.

Als ich letztes Wochenende in Zürich war, musste ich zu meiner großen Überraschung feststellen, dass von der „Schweizer Typografie” nicht viel übrig geblieben ist. Stattdessen hing meine Schwermetall-Volta an der Fassade des berühmten „Hotel zum Storchen”, das „S” auf dem Kopf stehend. Mann, das tut richtig weh.

18. September 07

MCM-Gründer tot, Marke lebt

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Die MCM-Story von Michael Cromer, das Buch zum Koffer, den er mir vor 15 Jahren schenkte

Er hat es gerade noch geschafft, seine schillernde Lebensgeschichte aufzuschreiben und noch einmal bundesweite mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Jetzt ist Michael Cromer an den Folgen einer Operation gestorben.

Viele haben diesen ewigen Charmeur und Sunnyboy und sein Nutten- und Zuhältergepäck gehasst, ich aber habe ihn gemocht. Er war ein großer Junge, der einfach nicht erwachsen werden wollte. Er war ein Spieler mit großem persönlichem Einsatz und ein Träumer, der gelegentlich sogar vergaß, Einkommenssteuer zu bezahlen.

Mir wird er mit einem besonderen Satz in Erinnerung bleiben. Es ging um ein paar hunderttausend Euro, die er mir schuldete. Während ich ziemlich nervös war, hat er mich am Telefon generös abgespeist: „Herr Kreutz, ich habe Rechnungen bislang immer bezahlt. Die Frage war nur wann.” Vier Wochen später war das Geld da, Geschäfte wollte ich mit ihm aber trotzdem keine mehr machen.

Sein unkonventionelles Geschäftsgebaren hat ihm schließlich selbst erst das Kreuz und dann das Herz gebrochen. Mit welch dubiosen Winkelzügen seine Firma massakriert wurde, die MCM-Markenrechte in die Hände einer koreanischen Geschäftsfrau gerieten und er selbst in eine Sozialwohnung, das alles ist großes Kino und kann jetzt nachgelesen werden. Aber Achtung: der Erzähler heißt Cromer.

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Mein Anzeigenmotiv zu seiner Geschäftseröffnung in Paris

17. September 07

Reklamehimmel, Version 2.0

Herzlich willkommen zur Version 2.0 des Reklamehimmel. Nochmal 100 Tage Blog-Experiment, weil ich da noch ein paar Fragen habe.

14. März 07

Alles muss raus

Morgen geht mein 100 Tage Blog-Experiment zu Ende. Ja, so schnell vergeht die Zeit. Deshalb ist heute Aufräumen angesagt. Auf dem Reißbrett lagen noch ein paar Entwürfe, keine Ahnung wofür die gut sein sollten. Vielleicht kann die ja jemand gebrauchen. Würde mich freuen.

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Foto: picture-alliance/dpa

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Foto: picture-alliance/akg-images/Tony Vaccaro

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Foto oben: Michael Levin/Corbis; Foto rechts: DLILLC/Corbis

13. März 07

The importance of graphic design

Who the fuck is Paul Rand? Get the facts here.

09. März 07

Ich bin Baden-Württemberg – Bernd Kreutz in Japan

Kreutz_japan

Für einen in Stuttgart geborenen, wie mich, ist „der Japaaaner” ein Mensch, der nicht schwäbisch schwätzt. Auch die bloße Kenntnis des Schwäbischen ist „beim Japaaaner” ungefähr genauso verbreitet wie das Verständnis „der Deutschen” für Ironie.

Nur so ist zu verstehen, dass meine in 15 Minuten am Bürocomputer zusammengebastelte Werbesatire auf die Spots des Landes Baden-Württemberg von den meisten Betrachtern ernst genommen wird. Neuerdings sogar in Japan. Finde ich sehr lustig.

Hier anschauen: www.youtube.com/watch?v=ZmOHIL6PkoM

07. März 07

DEUTSCHE BLOG RUHMESHALLE ehrt Tyler Brûlé, Friedrich Küppersbusch und Jean-Remy von Matt

Ruhmeshalle

DEUTSCHE BLOG RUHMESHALLE, eine Idee von reklamehimmel.de

Blogs sind die „Klowände des Internet”, sagte der Werber Jean-Remy von Matt. Als „Umweltverschmutzung” bezeichnete sie der Journalist Tyler Brûlé. An den „CB-Funk der siebziger Jahre” fühlte sich der TV-Produzent Friedrich Küppersbusch bei all dem „Gequatsche im Internet” erinnert. Drei erfolgsverwöhnte und medienverhätschelte Männer aus drei unterschiedlichen Kommunikationsdisziplinen, allesamt schon nicht mehr ganz taufrisch, äußern sich unisono despektierlich und überheblich über ein neues Medium (und dessen Nutzer), das es früher, als sie selbst noch jung waren, noch nicht gab.

Warum tun die das, fragt man sich verwundert. Dilettantismus und Geldverschwendung im Großmaßstab in der Werbung, Sittenverfall im Journalismus, Massenverdummung im Fernsehen – jeder hätte doch jede Menge Anlass gehabt, erstmal vor der eigenen Haustüre zu kehren. Warum beschimpfen die kollektiv ausgerechnet jene, die auch die Produkte ihrer Auftraggeber kaufen, ihre Magazine lesen und ihre TV-Sendungen anschauen sollen? Woher kommt das Bedürfnis, die zu denunzieren, um deren Gunst sie gleichzeitig buhlen? Sind die drei schizophren? Sind es Berufszyniker? Leiden sie an verbaler Inkontinenz? Sind sie betriebsblind? Haben sie Wahrnehmungsstörungen? Fühlen sie sich persönlich bedroht? Haben sie Schiss vor Kontroll- und Bedeutungsverlust? Oder sind sie einfach nur stinksauer, weil sie, wie ich, zu blöd zum Bloggen sind?

Sollte Letzteres zutreffen, hier mein Vorschlag zur Güte. Ihr Blogger da draußen in der Blogosphäre, seid barmherzig und nehmt sie auf in die DEUTSCHE BLOG RUHMESHALLE. Oder gibt es Einwände? Oder gar weitere Namensvorschläge? Bitte um Kommentare und Aufnahmeersuchen.

06. März 07